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Schultheaterfestival : Vom Alpha-Tier zum Rudelwesen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Stück „Top Dogs“ feierte im Theater in der Stadthalle Premiere. Entlassene Manager verarbeiten darin ihre Kündigungen.

shz.de von
erstellt am 28.Mai.2014 | 07:30 Uhr

Neumünster | Wieviel Autonomie und Individualität bleiben übrig, wenn Menschen ihre Ausnahmepositionen verlieren? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Theaterstück „Top Dogs“, das am Montagabend beim Schultheaterfestival Premiere feierte. Das vom Jugendtheaterclub inszenierte Werk wurde von 70 Zuschauern mit kräftigem Szenen- und Schlussapplaus belohnt. Projektleiter war Ralf Hiller, der seit 2011 Beleuchtungsmeister der Stadthalle ist.

Das Drama des letzten Monat verstorbenen Urs Widmer wurde 1996 in Zürich uraufgeführt, und damals wie heute tragen die Figuren die Namen der Schauspieler. Acht Ex-Spitzenmanager treffen sich in einem Outplacement-Center – das Jobcenter für Führungskräfte – und werden von Sonja David gecoacht, um den Verlust der Arbeit zu bewältigen und eine neue Stelle zu finden.

Im Halbkreis auf Stühlen in Business-Kleidung sitzend machen die Klienten einen glaubwürdigen und bisweilen bitter-komischen Prozess durch. Einige erkennen ihre Situation, andere verleugnen sie bis zum Schluss. „Das Stück behandelt den Sturz vom Gottsein ins totale Nichts. Begreiflich zu machen, was auf den Stufen dazwischen passiert, war eine Herausforderung“, erläutert Hiller.

Innerhalb von zwölf Szenen nehmen die zunächst verdrängten Gefühle der Charaktere immer mehr Raum ein. Versuchten die ehemaligen Befehlsgeber am Anfang noch, die Situation gewohnt rational zu behandeln, übernehmen nach und nach asoziale Gefühle die Macht. In der Szene „Träume“ berichten die Ex-Manager über ihre Wünsche. Doch auch hier offenbart sich, dass jeder von ihnen den Kontakt zu seinen Mitmenschen verloren hat: Daniel Lemke schwelgt in der Befreiung versprechenden und detailverliebten Vorstellung, seinen Chef zu töten. Ein anderer zieht die Gesellschaft von Gorillas der seiner Frau vor.

Michel Schuhmacher kann nur in Klischees denken; Tyko Hansteen gibt zu, seine Frau geschlagen zu haben. Ihm fällt keine andere Vision ein, als von großen Zahlen zu sprechen. Wie wenig Selbstbestimmung die ehemaligen Befehlsgeber tatsächlich besitzen und wie sehr sie von sich selbst entfremdet sind, wird nicht zuletzt plakativ an den drei Szenen „Gangübungen“ deutlich: Die Klienten führen dabei sinnlos-alberne Bewegungen aus und erinnern damit stark an Monty Pythons „Ministry of Silly Walks.“

„Man spielt weniger eine definierte Rolle als einen vielschichtigen Charakter. Das hat es nicht ganz einfach gemacht“, erklärt Jessica Harich. Helga Hein, ehemalige Kulturdezernentin von Neumünster und Zuschauerin im Saal, war beeindruckt: „Es hat mir sehr gefallen. Eine niveauvolle Inszenierung mit tollen Darstellern. Ich konnte mich mit keinem identifizieren, aber sie haben mich berührt. Ich werde weiterhin zum Theaterfestival kommen.“

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