U20-Poetry-Slam : Virtuoser Wettstreit mit Worten

Jung und kritisch: Die jungen Dichter Felix Trede, Kim Kläve, Suzana Milea und Joanna Rathje schafften es bis ins Finale.
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Jung und kritisch: Die jungen Dichter Felix Trede, Kim Kläve, Suzana Milea und Joanna Rathje schafften es bis ins Finale.

140 Besucher lauschen den jungen Dichtern im Theater der Stadthalle.

shz.de von
18. Januar 2018, 11:00 Uhr

Neumünster | Was haben Glühwein und Körperkult, Bahnhofspenner und schlechte Freundinnen gemeinsam? Es sind Themen, über die sich wunderbar erzählen lässt – wie sechs junge Menschen am Dienstagabend beim zweiten U-20-Poetry-Slam dieser Saison im Theater der Stadthalle zeigten. Mit 140 Besuchern waren die Stühle auf der Bühne komplett besetzt, und der Ausverkauf bewies wieder einmal, wie beliebt die Reihe „Lyrik und Textase“ ist, die das Kulturbüro mit der Agentur „assemble art“ organisiert.

Bei der Form des modernen Dichterwettstreits präsentieren die Sprachkünstler dem Publikum innerhalb von sechs Minuten einen selbstverfassten Text. Requisiten sind nicht erlaubt, wohl aber Freiheit im Umgang mit der Sprache, wie Moderator Michel Kühn den Publikumsjuroren erklärte: „Bitte bewertet nicht die Moral eines Textes. Es gibt großartig geschriebene unmoralische Texte und hochmoralische mittelmäßige.“

Die Richter hatten es nicht leicht, denn die jungen Leute haben sich in kreativer und unterhaltsamer Weise mit sich und ihrer Umwelt auseinander gesetzt. Da gab es lustige Sätze, zum Beispiel, wenn Felix Treder in seiner „Ode an den Glühwein“ befürchtete, dass „nach uns die Absinth-Flut“ käme. Joanna Rathje (18) aus Neumünster – vielen bekannt als Sängerin der lokalen Band „Still noname“ – fand starke Bilder für ihre Kritik an falschen Freundinnen und beschrieb, wie es sich anfühlt, wenn „eine Flut voller Wut aus den Augen“ bricht. Kritisch wandte sich Kim Kläve (18) aus Kiel gegen die Unterwerfung männlicher Wünsche und fragte sarkastisch: „Wer spielt schon gern mit dicken Puppen?“

Beklemmend-traurig hingegen war die Anklage von Suzana Milea (17) in ihrem Text an ihren Vater. „Er ist meine eigene Pandoras Box“, dichtete sie und fragte weiter „warum der erste Mann, der mir das Herz bricht, mein Vater sein musste“. Die Klaus-Groth-Schülerin räumte nach der Veranstaltung allerdings mit einem Missverständnis auf: „Nicht alles, was ich erzähle, ist wahr. Es gibt zwar autobiografische Teile, aber hauptsächlich benutze ich das ,lyrische Ich’, weil mir das Schreiben und Vortragen so besser gelingt.“

Das Finale schließlich war kniffelig, das Publikum zollte mit Händen und Füßen sowohl Suzana Milea als auch dem Hamburger Felix Trede gleichermaßen seinen Respekt, so dass beide als Gewinner hervorgingen. Suzana Milea, die vor fünf Jahren aus Rumänien nach Neumünster kam, hat im November bereits den ersten Poetry-Slam dieser Saison gewonnen. Schreiben ist für sie das Ergebnis, dem ein längerer, innerer Prozess vorausgeht: „Wenn ich dann nach Monaten seelischen Drehens und Wendens alles in die Feder fließen lasse, fühle ich mich befreit.“

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