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Kinder-Kur : Vier Wochen heile Welt für die Tschernobyl-Kinder

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Sport und gesunde Kost bringen die ersten Erfolge / Regelmäßiger Unterricht, viele Vitamine und Mittagsschlaf gehören zum Alltag / Die Lage in der Ukraine wird bewusst nicht thematisiert

shz.de von
erstellt am 02.Aug.2014 | 07:15 Uhr

Neumünster | „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ’ne kleine Wanze“, klingt es durch die Fröbelschule. Die 25 krebskranken Kinder aus der Ukraine sind jetzt buchstäblich in Neumünster angekommen, und der Alltag hat begonnen. Nach Zahnbehandlungen und Ausflügen erhalten die Tschernobyl-Kinder jetzt Unterricht, machen Sport, basteln und malen. Vier Wochen heile Welt. Die ersten Erfolge sind schon sichtbar.

„Einige übergewichtige Kinder haben schon bis zu drei Kilo abgenommen, und es ist erst Halbzeit“, freute sich Sylke Schliep, die rechte Hand von Organisatorin Eberhardine Seelig. Allen Kindern im Alter von 6 bis 14 Jahren geht es soweit gut, abgesehen von den drei Kindern mit Osteoporose als Folge der monatelangen Chemotherapie. „Alle haben mächtig Appetit und fragen, ob es abends nach dem Duschen noch etwas zu essen gibt. Das geht natürlich nicht, aber sie kriegen Saft und Früchte, wenn sie wollen“, sagt Sylke Schliep. Die drei Osteoporose-Patienten werden nächste Woche im FEK gründlich durchgecheckt, um genaue medizinische Daten für eine spätere Behandlung zu erhalten.

Im Deutschunterricht gibt es alltagstaugliche Lektionen: „Heute haben wir die Wörter für Sommerkleidung gelernt“, sagt Lehrerin Tetiana Tretiakowa (23), die normalerweise Deutsch an einem Gymnasium in Poltawa unterrichtet. Sie opfert gern ihre Ferien für die Reha-Kur: „Es macht großen Spaß“, lobt sie. Mit Fotokarten lernen die Kinder mit Begeisterung verschiedene Gerichte – Nudeln, Pizza, Hähnchen.

A propos Essen: Gesunde Kost ist das A und O. Dass immer genug da ist, geht nur mit Spenden und ehrenamtlichen Helfern. Werner Sjut aus Wrist ist einer der Fahrer. Der 68-Jährige engagiert sich seit 2007 für die Aktion und lieferte gestern Morgen eine Fuhre Obst und Gemüse an – Ananas, Weintrauben, Melonen, Erdbeeren, Kirschen, Bananen, Möhren, Tomaten. „Das ist keine Überschussware, sondern kommt frisch aus dem Edeka-Zentrallager aus dem Industriegebiet“, sagt Sylke Schliep. Zweimal pro Woche fährt Sjut schmutzige Wäsche zur Reinigung Dygutsch, die seit 23 Jahren alles wäscht.

Zur Gesundung gehört auch Sport. In der Turnhalle der Fröbelschule macht die Kinderärztin Alona Nechenseva an diesem Vormittag mit der Gruppe der kleinen Kinder viele Übungen: Arme nach oben strecken, in die Knie gehen und die Beinmuskeln anspannen oder auch ein kleines Tänzchen, das auf dem Abschlussfest aufgeführt werden soll. „Bei den Jüngeren wird das alles spielerisch gemacht, um sie nicht zu überfordern. Die Größeren machen richtig Sport“, sagt die Ärztin.

In der Küche bereitet ein Damen-Trio derweil ein gesundes Mittagessen vor. Barbara Kliem, Marianne Lobsien-Löhr und Annegret Selck schnippeln Gurken, Erdbeeren und schieben Möhren, Äpfel, Ananas und Blaubeeren in die Saftpresse. „Es bringt unheimlich viel Spaß, ist doch eine tolle Sache hier“, sagt Annegret Selck und achtet genau auf die Saftgläser: An einem Glas klebt ein Zettel mit dem Namen „Maksym“ – denn der Elfjährige hat eine Allergie gegen rote Früchte.

Über die Lage in der Ukraine wird bewusst nicht vor den Kindern gesprochen. Sie sollen mit schönen Erinnerungen nach Hause kommen. Am Sonntag geht es aber erstmal in den Freizeitpark Tolk. „Das ist jedes Jahr der Höhepunkt“, freut sich Sylke Schliep.

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