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Gerichtsbericht : Viele sahen dem Angriff einfach nur tatenlos zu

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Prozess um die Messerstiche im Auto wurde fortgesetzt.

Neumünster | Im Prozess um die beinahe tödlichen Messerstiche im Auto standen gestern am dritten Verhandlungstag vor dem Kieler Landgericht die beiden brutalsten Attacken im Vordergrund der Zeugenaussagen. Nur vier Monate bevor der Angeklagte (43) am 18. Juni vergangenen Jahres seine ehemalige Lebensgefährtin (37) und Mutter seines Sohnes nachts in ihrem geparkten Auto an der Wasbeker Straße fast erstach, griff er die Frau an und verletzte sie durch Fäuste und Tritte. Das Erschreckende: Die Tat ereignete sich in aller Öffentlichkeit. Doch mancher Passant sah einfach nur untätig zu.

Es war der 15. Februar 2015. Die Frau, die neben ihrem Beruf als Arzthelferin auch noch als Pflegerin arbeitete, wollte gerade zu einem jungen Patienten in die Anscharstraße, als ihr Ex-Freund laut Anklageschrift aus einer benachbarten Teestube kam, sie beschimpfte und brutal angriff. Der jugendliche Patient (16) sagte gestern vor Gericht als Zeuge aus: „Ich wartete auf den Pflegedienst, vertrieb mir die Zeit im Hof mit ein bisschen Fußball. Ich sah, wie meine Pflegerin kam und wollte reingehen. Da hörte ich Schreie. Ein Mann kam aus der Teestube, brüllte auf Türkisch, sie auch. Aber das kann ich ja nicht verstehen“, so der Junge. „Der Mann zerrte sie in den Hof in eine dunkle Ecke. Dort lag sie dann. Er ist total ausgetickt, trat ihr ins Gesicht und in den Bauch. Sie hat sich mit Armen und Beinen gewehrt. Aber das nützte nichts. Ungefähr sechs Männer aus der Teestube standen drum herum und haben nicht geholfen. Nur zwei haben ein bisschen an ihm gezogen. Aber das hat nicht gereicht. Da bin ich rauf in die Wohnung und habe den Freund meiner Mutter geholt“, berichtete der Schüler.

Der Stiefvater warf sich mit einem weiteren Nachbarn, der auch von einem Kind aus dem Haus alarmiert worden war, dazwischen. Gemeinsam zerrten sie den tobenden Mann von seinem Opfer weg. „Das war nicht leicht. Er riss sich immer wieder los. Doch schließlich schafften wir es. Die Jungs haben die Frau dann nach oben in die Wohnung gebracht. Im Hof standen viele Leute rum. Ich habe mich gewundert, warum die nicht geholfen haben“, schilderte der Zeuge die Situation.

Einer der untätigen Schaulustigen, der damals in der Teestube arbeitete, konnte sein Verhalten gestern im Zeugenstand auch nicht so recht erklären. „Ne, ich habe nicht versucht, ihn zurückzuhalten und bin später auch wegen unterlassener Hilfeleistung bestraft worden“, so der Mann. An vieles vermochte er sich nicht mehr zu erinnern: Er antwortete eher wortkarg auf die Fragen der Juristen.

Im Sommer an der Wasbeker Straße war es für die Passanten deutlich schwieriger, die Frau zu retten: Diesmal flogen nicht nur die Fäuste. Es war ein Messer im Spiel. „Es war der erste Tag des Ramadan. Ich wollte zur Moschee. Plötzlich hörte ich Stimmen, sah den Mann im Auto auf die Frau einstechen. Weil ich mein Handy nicht dabei hatte, konnte ich keine Polizei rufen“, so beschrieb ein Nachbar den Moment, als er kurz vor Mitternacht vors Haus trat. „Ich packte ihn an der Jacke. Er sagte ‚Lass los, misch’ Dich nicht ein!‘ und fuchtelte mit dem Messer vor mir rum“, so der Zeuge. Ein weiterer Nachbar versuchte, mit einem Staubsaugerrohr den Angreifer zu stoppen – vergeblich. „Der Mann hat mindestens 20 Mal auf sie eingestochen. Ich war mir sicher, dass sie tot ist. Als die Polizei kam, schrie ich: ‚Ihr seid zu spät‘“, so der Zeuge.

Erst ein junger Polizist konnte den Mann von seinem blutüberströmten Opfer weg zerren. Die Frau überlebte mit lebensgefährlichen Verletzungen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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erstellt am 23.Feb.2016 | 08:00 Uhr

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