Bildungsbericht : Viele Kinder sind nicht fit für die Schule

Schlechte Ergebnisse im Vergleich. Zu viel Fernsehkonsum.

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27. Februar 2013, 09:15 Uhr

Neumünster | Die Zahlen sind erschreckend. 20,5 Prozent der Schulanfänger in Neumünster gelten laut Bildungsbericht 2012 als "nicht sprachkompetent für das Unterrichtsfach Deutsch". Das ist die höchste Quote in Schleswig-Holstein (durchschnittlich 8,7 Prozent). Außerdem fielen 15,3 Prozent der kleinen Neumünsteraner bei den Schuleingangsuntersuchungen mit Verhaltensauffälligkeiten und motorischen Störungen auf (Landesschnitt 12,6 Prozent). Und das sind offenbar keine Ausreißerwerte.

Dr. Alexandra Barth, Leiterin des Gesundheitsamtes, beobachtet die traurige Tendenz schon seit rund 20 Jahren. "Unsere Jugendärzte stellen motorische und sprachliche Probleme sowie Konzentrationsstörungen vermehrt fest. Die Fachleute, die mit dieser Thematik zu tun haben, sind der einhelligen Auffassung, dass es auf das geänderte Freizeitverhalten zurückzuführen ist", so die Ärztin. Sie konkretisiert: "Schon in den ersten drei Jahren, die für die Entwicklung von Körper und Geist die wichtigsten sind, verbringen die Kinder vor Fernseher, Playstation oder Computer viel Zeit. Dieser passive Konsum dient als Babysitter. Und damit wachsen die Kinder unter absolut ungesunden Bedingungen auf", erklärt die Medizinerin. Wenn Bewegung und Kontakte im Spiel mit anderen fehlen, kommen Muskelaufbau und psychosoziale Interaktionen einfach zu kurz. "Und auch Sprache lernen die Kinder nicht vor dem Fernseher, sondern indem man mit ihnen redet", so Barth.

Dass der Anteil der Kinder, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben, in Neumünster recht hoch liegt (22,8 Prozent der 652 Erstklässler im Schuljahr 2009/2010), ist dabei nur bedingt relevant. Denn: Wer seine Muttersprache gut beherrscht, lernt später rasch die Unterrichtssprache, zumal es Förderangebote gibt.

Schulrätin Liske Salden erhält die entsprechenden Rückmeldungen über sprach- und verhaltensauffällige Kinder aus den zwölf Grundschulen immer wieder. Denn zum laufenden Schuljahr wurden nur fünf Kinder für maximal ein Jahr beurlaubt, meist aufgrund schwerer akuter Erkrankungen. Die anderen 668 Mädchen und Jungen kamen im Sommer in die ersten Klassen. Denn letztendlich gilt: Wer am 30. Juni sechs Jahre alt ist, wird eingeschult. "Es ist eine große Herausforderung für die Lehrer bei der Vielzahl der Unterschiede. Aber in der Grundschule hat man in den ersten drei Jahren in der Eingangsphase Zeit für individuelle Förderung", sagt die Schulrätin. Sie vertritt die Ansicht, dass "die Schule reif für die Kinder sein muss". Ein wenig Abhilfe könnte eine Erweiterung der Schulsozialarbeit schaffen, die für Sommer 2013 für Grundschulen geplant ist und aus Landesmitteln finanziert werden soll. Konkrete Zahlen liegen aber noch nicht vor.

Sicher ist hingegen, dass sich zurzeit rund 690 Kinder in Neumünster auf ihre Einschulung freuen. Und die laufenden Eingangsuntersuchungen zeigen: Ihre Probleme sind nicht weniger geworden.

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