GS Brachenfeld : Video aus Neumünster: Wie eine Turnhalle zum Flüchtlingslager wird

Die DRK-Helferinnen Michaela Kröger (links) und Jennyfer van Ewig rollten Donnerstag die ersten von 400 Feldbetten auf einem Palettenwagen in die große Sporthalle der Gemeinschaftsschule Brachenfeld in Neumünster.
Die DRK-Helferinnen Michaela Kröger (links) und Jennyfer van Ewig rollten Donnerstag die ersten von 400 Feldbetten auf einem Palettenwagen in die große Sporthalle der Gemeinschaftsschule Brachenfeld in Neumünster.

Die Erstaufnahme ist überfüllt, nun ziehen Flüchtlinge in eine Sporthalle. Wichtig dabei: Die Intimsphäre soll gewahrt bleiben.

shz.de von
10. Juli 2015, 19:00 Uhr

Neumünster | Die Reaktion erfolgte schnell und unkompliziert: Nur rund 60 Stunden nach dem Hilferuf aus dem Landesamt für Ausländerangelegenheiten können Freitagabend ab 18 Uhr bereits die ersten von maximal 400 Flüchtlingen in die Sporthalle der Gemeinschaftsschule Brachenfeld einziehen. Nach Informationen des Holsteinischen Couriers sollen an diesem Wochenende auch drei Kasernenblöcke der Rantzau-Kaserne in Boostedt zusätzlich freigegeben werden. Das Innenministerium bestätigte am Donnerstag entsprechende Verhandlungen mit der Bundeswehr, wollte aber noch keinen Termin nennen. In Boostedt sind derzeit 350 Flüchtlinge untergebracht.

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Die Lage in der Erstaufnahme-Einrichtung am Haart sei mehr als angespannt, sagte am Donnerstag Ulf Döhring, Leiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten. Mit rund 1200 Menschen platzten die ehemaligen Kasernenblöcke der Scholtz-Kaserne und die bereits aufgestellten Container völlig aus den Nähten. Auch Sozial-, Freizeit- und Schulungsräume wurden schon zu Schlafstätten umfunktioniert. „Es gibt keine Erklärung für den plötzlichen Zustrom. Wir wissen auch nicht, ob und wann er abreißt“, erklärte Döhring.

Bereits am Mittwochabend war der Katastrophenabwehr-Stab der Stadt aufgrund der Notlage in der Feuerwache zusammengekommen und hatte nach eingehender Beratung entschieden, dass die Schule der geeignete Standort ist. Dort sind ausreichend Duschen und sanitäre Anlagen vorhanden. Die Verpflegung übernimmt nach Auskunft von Ulf Döhring derselbe Dienst, der auch die Flüchtlinge in Boostedt versorgt. Für die Sicherheit sollen nachts drei und tagsüber zwei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes sorgen. Die Polizei bindet die Schule nach Aussage von Sprecher Sönke Hinrichs „intensiver in die Streifen ein“.

Erste Vorbereitungen in der Sporthalle: Gemeinsam mit 16 weiteren Helfern verklebten Lennart Dooms (links) und Jan Stölting vom DRK  Spanplatten zu einem provisorischen Fußboden. Die Platten sollen verhindern, dass die Gestelle der Feldbetten den Hallenboden beschädigen.
Bluhm
Erste Vorbereitungen in der Sporthalle: Gemeinsam mit 16 weiteren Helfern verklebten Lennart Dooms (links) und Jan Stölting vom DRK Spanplatten zu einem provisorischen Fußboden. Die Platten sollen verhindern, dass die Gestelle der Feldbetten den Hallenboden beschädigen.
 

Schulleiterin Silke Rohwer erklärte: „Es war für uns eine Selbstverständlichkeit und humanitäre Pflicht, sofort zuzusagen.“ Probleme im Ablauf des Schulalltages in der letzten Woche vor den Ferien sieht sie nicht. Es sind ab Montag auch Lehrer auf dem Schulhof unterwegs, die bei Fragen als Ansprechpartner auftreten. „Wir erhoffen uns sogar einen Austausch zwischen den Schülern und den Flüchtlingen“, so die Rektorin.

Caglar Yerden (von links), John Marquardt und René Kaiser vom Deutschen Roten Kreuz packten mit 20 weiteren Helfern im Gefahrenabwehrzentrum die Feldbetten und Decken auf die Laster.
Lipovsek
Caglar Yerden (von links), John Marquardt und René Kaiser vom Deutschen Roten Kreuz packten mit 20 weiteren Helfern im Gefahrenabwehrzentrum die Feldbetten und Decken auf die Laster.
 

Innenminister Stefan Studt dankte der Stadt und dem Katastrophenschutz für ihre unbürokratische Hilfe. „Es gibt einen engen Schulterschluss, der uns sehr hilft“, sagte Studt zum Courier. Das Land bemühe sich weiter intensiv um Ausweichquartiere. Vor September seien die geplanten Standorte in Kiel, Flensburg, Lübeck und Eggebek aber nicht aufnahmebereit.

Stadt und Schule setzten am Donnerstag auf eine intensive Informationspolitik. Die Fraktionsvorsitzenden der Ratsparteien und die Stadtteilvorsteher wurden ebenso über die Sachlage informiert wie die Lehrer, Schüler und die Elternvertretung. Brachenfelds Stadtteilvorsteher Uwe Holtz (SPD) zeigte sich von der Ankündigung der Stadt allerdings erschrocken: „Das haut mich um!“ Bei allem Verständnis für den wachsenden Druck, die Flüchtlinge unterzubringen, sei die Aufnahmekapazität im Stadtteil doch begrenzt. Die Einquartierung in der Turnhalle noch während des laufenden Schulunterrichts könne nur eine „absolute Notmaßnahme“ sein und müsse schleunigst durch eine Anschlusslösung ersetzt werden, forderte Holtz und fragte. „Warum bringt man die Menschen nicht in der Hindenburg-Kaserne unter?“

Der Stadtteilvorsteher befürchtet, dass die Akzeptanz und das Verständnis der Brachenfelder für die Flüchtlinge in der Nachbarschaft leiden könnte, wenn deren Zahl jetzt sprunghaft erhöht wird. Ohnehin hätten bei ihm die Beschwerden über Belästigungen im Umkreis der zentralen Aufnahmestelle am Haart in den vergangenen Wochen zugenommen. „Wir werden DRK und Verwaltung einladen, um sie den Bürgern erklären zu lassen, wie sie sich sich das Zusammenleben im Stadtteil vorstellen“, kündigte Holtz an.

Bei den Schülern an der GS Brachenfeld gab es am Donnerstag keine Begeisterungsrufe, aber auch keinerlei Proteste. „Keiner hat was gegen die Flüchtlinge. Wir finden es nur ein bisschen doof, dass die Sportprojekte unserer Projektwoche nächste Woche wohl ins Wasser fallen und unsere Turnhalle blockiert ist“, sagt eine Schülerin (15). Ganz gut fanden aber natürlich alle Schüler, dass heute die erste Stunde für alle ausfiel, weil die Lehrer über die Flüchtlinge informiert werden sollten.

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