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Private Initiative : Vertriebene von einst helfen Flüchtlingen von heute

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Karla Albrodt (86) flüchtete nach dem Krieg aus Danzig / Ihre Idee möchte sie an andere weitertragen

shz.de von
erstellt am 05.Okt.2014 | 13:00 Uhr

Neumünster | Als Karla Albrodt von den Plänen las, dass Flüchtlinge in die Boostedter Kaserne einquartiert werden, kamen ihr Erinnerungen an die eigene Flucht 1945 – und eine Idee. „Ich stelle mir vor, dass die Menschen dort zwar ein Dach über den Kopf bekommen, es aber irgendwie trostlos ist. Wie wäre es mit einem kleinen Geschenk, das ihnen signalisiert, dass sie willkommen sind und sie sich wohlfühlen?“, sagt die 86-jährige gebürtige Danzigerin. Das wäre angesichts der Parolen und Vorurteile, die – leider – gegen die Flüchtlinge geäußert würden, ein deutliches Signal, betont sie.

Was geschenkt werden könnte, hat sie sich auch überlegt – eine farbige Wolldecke, ein Kissen, ein Bild für die Wand, ein Kuscheltier fürs Kinderbett oder andere Dinge, die den Räumen eine persönliche Note verleihen. Sie erinnert sich an ihre Flucht mit ihrer Mutter Magda, ihrem Bruder Klaus, damals zehn Jahre alt, als im August 1945 die Polen die Deutschen vertrieben. Mit über 100 Menschen in einem Zugwaggon zusammengepfercht ging es bis Güstrow. Ihre Mutter bestach einen Eisenbahnbeamten mit einer Flasche Kartoffelschnaps, um in den Zug nach nach Schleswig zu gelangen. Die Familie wohnte beengt. „Schon ein kleines Geschenk wie ein Babyhemdchen gab uns das Gefühl, willkommen zu sein“, erinnert sie sich. Das möchte sie auch den Flüchtlingen vermitteln.

Die Idee stößt auf ein positives Echo bei anderen ehemaligen Flüchtlingen. „Ich finde das toll und werde das weitergeben“, sagt Willi Treetzen (73), Vorsitzender des Kreisverbandes der Vertriebenen. Er erinnert sich an seine Flucht aus Polen zu Fuß als Fünfjähriger. Seine Mutter steckte wichtige Papiere in seinen Rucksack: „Es hieß, kleine Kinder werden nicht ausgeraubt.“ Bis 1957 lebte er in der Sick-Kaserne.

„Eine tolle Idee, ein Willkommen zu signalisieren“, meint Ulf Döhring, Leiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten und der Erstaufnahme-Einrichtung. Allerdings müsse sehr genau geprüft werden, was geschenkt werden könnte: „Die Flüchtlinge sind nur zwei oder drei, später sechs Wochen vor Ort. Ihre besondere Situation und ihre kulturellen Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden. Sie können meistens nicht viel mitnehmen, haben manchmal nur einen Koffer dabei.“ Das meint auch Rike Müller, Flüchtlingsberaterin der Diakonie Altholstein. „Richtig süß, diese Idee. Aber die Geschenke müssen Sinn machen. Was immer geht, sind schöne Wolldecken und Kinderspielzeug. Das muss aber unbedingt vorher abgesprochen werden, da wir kaum etwas lagern können“, betont sie. Wer spenden möchte, kann sie unter der Telefonnummer 25 27 10 22 anrufen (am besten dienstags von 10.30 bis 13 Uhr, mittwochs von 14 bis 15 Uhr).

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