Gericht : Verteidiger musste in den Zeugenstand

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Der Prozess um die Brandstiftung an der Bahnhofstraße wurde mit einer ungewöhnlichen Vernehmung und einigen Querelen fortgesetzt.

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31. Januar 2015, 08:00 Uhr

Neumünster | Mit einer ungewöhnliche Zeugenvernehmung wurde am Kieler Landgericht der Prozess um die Brandstiftung an der Bahnhofstraße fortgesetzt. Laut Anklage sollen zwei Brüder (31 und 37) im Auftrag des finanziell stark angeschlagenen Hausbesitzers (32) in der Nacht zum 15. September 2013 in dem Mehrfamilienhaus an mehreren Stellen Feuer gelegt haben. Zwei Bekannte des Eigentümers, ein Gastwirt (70) und ein Kaufmann (38), sollen die Sache mit geplant haben. Laut Staatsanwaltschaft wollten die Männer die Versicherungssumme von 500  000 Euro kassieren.

Der Mann (45), der jetzt im Zeugenstand Platz nahm, ist im Gericht bestens bekannt. Denn er fungiert in dem Prozess eigentlich als Verteidiger des Kaufmanns. Und diese seltene Doppelrolle machte die Sache schwierig, zumal die Stimmung in dem Verfahren ohnehin aufgeheizt ist. Eine rechtliche Hürde war schnell genommen: Weil der angeklagte Kaufmann für diesen Tag quasi ohne Verteidiger dastand, wurde ein weiterer Anwalt für die Dauer der Zeugenvernehmung als Rechtsbeistand beigeordnet. Gleichzeitig entband der Kaufmann seinen ursprünglichen Rechtsbeistand vorübergehend von seiner Schweigepflicht.

Doch auch inhaltlich blieb es kompliziert. Immerhin hatte der Zeuge in seiner Funktion als Jurist ebenfalls ein Doppelrolle eingenommen. Bevor er das Mandat für den Kaufmann im März 2014 übernahm und ihm strafrechtlich zur Seite stand, hatte er den Hausbesitzer zivilrechtlich vertreten und sich für ihn um den Streit mit der Versicherung gekümmert – vermittelt wurde diese Aufgabe übrigens von dem Kaufmann.

Vor Gericht schilderte der Anwalt, wie beide Männer einige Zeit nach dem Brand zu ihm gekommen waren. Sie schilderten die Schäden, versicherten, dass sie nichts mit dem Brand zu tun hätten und baten ihn, sich um die Angelegenheit zu kümmern, weil sich die Versicherung quer gestellt hätte. Die Schadenshöhe wurde mit 150  000 Euro angegeben, so der Jurist. Papiere wie Grundbuchauszüge oder Darlehensverträge wurden vorgelegt. Der Schriftverkehr sei über den Hausbesitzer gelaufen. Aber auch der Kaufmann habe sich immer wieder „um Papierkram gekümmert“. Schließlich sei man übereingekommen, den Klageweg zu beschreiten.

Doch eines Morgens rief der Kaufmann bei dem Anwalt an. Er berichtete von einer Hausdurchsuchung und einem Haftbefehl. Mittlerweile galt er offenbar als einer der Drahtzieher der Brandstiftung.

Ein Kriminalbeamter bemerkte damals sofort, dass der Jurist „als Zeuge in Betracht kommen könne, zumindest in einer Betrugssache“. „Doch ich wollte ihn nicht im Regen stehen lassen“, erklärte der Zeuge die Übernahme des neuen Mandats. Das zivilrechtliche Verfahren legte er wenig später nieder.

Immer wieder wurde die Aussage des Zeugen von lautstarken Querelen unterbrochen. Für absolutes Unverständnis insbesondere beim Staatsanwalt und dem Verteidiger des Hausbesitzers sorgte eine kurze Unterbrechung, die ein Anwalt des mitangeklagten Gastwirts erwirkt hatte. Gemeinsam mit weiteren Kollegen aus der Verteidigerriege verschwand das Grüppchen plötzlich für einige Minuten zur kurzen Besprechung mit dem Zeugen auf dem Flur. „Es ist nicht üblich, dass Verteidiger einfach mit dem Zeugen rausmarschieren und reden“, beschwerte sich der Staatsanwalt. Ebenso ungewöhnlich wie die Aktion war dann auch die Begründung des Initiators: „Der war mal Referendar bei mir. Und ich hatte gerade an seinem Gesichtsausdruck gesehen, dass er hier etwas nicht verstanden hatte. Ich fühle mich ihm halt immer noch verpflichtet“, hieß es.

Nach zwei Stunden war die Zeugenaussage vorbei. Als der Verteidiger des Hausbesitzers wissen wollte, ob es einst Widersprüche zwischen der Aussage des Kaufmanns bei der Polizei und dem vertraulichen Gespräch beim Anwalt geben hätte, widerrief der Ersatzverteidiger nach kurzer Pause die Entbindungserklärung – und die Schweigepflicht griff erneut. Der Prozess wird fortgesetzt. 

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