Unternehmensverband : Verkehrsversuch: Abbruch war richtig

Dr. Hans-Jürgen Völz ist neuer Geschäftsführer des Unternehmensverbandes.
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Dr. Hans-Jürgen Völz ist neuer Geschäftsführer des Unternehmensverbandes.

Dr. Hans-Jürgen Völz vom Unternehmensverband im Interview zu Themen wie dem Verkehrsversuch, Frauenquote und Betreuungsgeld

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23. November 2013, 14:00 Uhr

Seit Anfang September ist Dr. Hans-Jürgen Völz (47) der Geschäftsführer beim Unternehmensverband Mittelholstein. Der gebürtige Heider war zuvor bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in Berlin tätig und löst Gerd Kühl ab, der am 15. November nach 35 Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde. Der Courier bat Völz zum Interview.

Sie wechseln aus der pulsierenden Hauptstadt Berlin ins „kleine“ Neumünster – ein Karriereschritt nach oben?

In erster Linie verbinde ich mit meinem beruflichen Wechsel nach Neumünster die Aufgabe, an die erfolgreiche Arbeit meiner Vorgänger beim Unternehmensverband Mittelholstein anzuknüpfen. Dass mit dem Tätigkeitswechsel mehr Verantwortung und andere Herausforderungen für mich einhergehen als in Berlin, das stimmt.

Haben Sie sich nach knapp drei Monaten schon in der Stadt eingewöhnt?

Neumünster war für mich kein weißer Fleck auf der Landkarte. Schon als Schüler bin ich häufiger mit meinen Eltern zum Einkaufen hierher gekommen und in den Holstenhallen gewesen. Um die Stadt und ihre Einwohner noch besser kennenzulernen, führe ich viele Gespräche und nehme meine Termine wenn möglich ohne Auto wahr.

Auf den Juristen Gerd Kühl folgt der Volkswirt Hans-Jürgen Völz. Lässt das auf eine andere Handschrift schließen?

Der Unternehmensverband wird seine Stimme zukünftig vernehmlicher erheben, wenn Belange seiner Mitglieder betroffen sind. Dabei wird es sich nicht nur um Themen handeln, die bestimmten Konjunkturen unterliegen. Unsere Unternehmen haben ein Interesse an jungen Menschen, die die Schulen mit einem soliden Fundament verlassen und dann hier ihre Ausbildung aufnehmen. Daran wird der Verband aktiv mitwirken. Mit Unterstützung einzelner Unternehmen werden wir künftig wieder verstärkt Wirtschaftsplanspiele veranstalten, in denen Schüler für eine Woche von der Schulbank in die Chefetage wechseln.

Wie sehen Sie den Zustand der Neumünsteraner Wirtschaft?

Die Verfassung unserer Betriebe ist über alle Branchen hinweg trotz Konjunkturdelle zu Jahresbeginn und ausbleibender Herbstbelebung relativ stabil. Für das Gesamtjahr ist in vielen Unternehmen aber leider nicht mehr drin als eine schwarze Null. Sorgen bereitet mir die schwache Investitionsbereitschaft. Nur jeder dritte Betrieb hat in diesem Jahr neue Kapazitäten errichtet. Das zeigt deutlich, wie der Bundestagswahlkampf mit zum Teil offen investitionsfeindlichen Steuerplänen bei uns Spuren hinterlassen hat.

Der Verkehrsversuch und die vielen Baustellen in der Innenstadt haben hohe Wellen geschlagen. Der Handel ist auf die Barrikaden gegangen. Verwaltung und Kommunalpolitik sind umgeschwenkt und haben den Versuch abgebrochen. Eine richtige Entscheidung?

Eindeutig ja. Politik und Verwaltung haben nachvollzogen, was Gewerbetreibende und viele Bürger mehrheitlich längst für richtig erkannt hatten. Verkehrsversuche auf dem Rücken der Wirtschaft im existenziellen Weihnachtsgeschäft fortzusetzen, wäre verantwortungslos gewesen. Die Verwaltung ist gut beraten, die durch das Aus für den Verkehrsversuch freigewordenen Kapazitäten in die Revitalisierung der Innenstadt umzulenken.

Welche Folgen hätte ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in der Region Mittelholstein?

Ich hoffe, Geringqualifizierten, Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Vermittlungshindernissen bleibt dieses Experiment erspart. Ein solcher Mindestlohn gefährdet gerade ihre Arbeitsplätze. Bei 8,50 Euro je Stunde wären bundesweit mindestens 1,2 Millionen Arbeitsplätze bedroht. Davon bliebe auch die Region Neumünster nicht verschont. Schon jetzt sind in der Stadt über 40 Prozent der Arbeitslosen Langzeitarbeitslose und Schwerbehinderte. Sie benötigen einfache und dementsprechend niedrig entlohnte Tätigkeiten für einen Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Frauen in Führungspositionen sind eher selten. Was können Firmen tun, um den Anteil von Frauen in Chefsesseln zu erhöhen?

Frauen in Chefsesseln sind längst keine Exotinnen mehr. Der Anteil weiblicher Führungskräfte steigt seit Jahren. In Behörden und Politik gehören Frauen in Spitzenpositionen längst zum Alltag. Denken Sie etwa an das Arbeitsgericht, die Ratsversammlung und das Finanzamt, wo Frauen in herausgehobener Funktion hervorragende Arbeit leisten. Dieser Entwicklung verschließt sich die Wirtschaft schon aus wohlverstandenem Eigeninteresse nicht.

Könnte eine – von vielen geforderte – Frauenquote den Prozess beschleunigen?

Es ist völlig falsch zu glauben, eine gesetzliche Quote wäre dazu geeignet. Das Eingreifen des Gesetzgebers schadet hier mehr, als es nutzt. Eine Quote kuriert lediglich die Symptome und nicht die Ursachen des unterdurchschnittlichen Frauenanteils in Chefetagen. Aufgabe der Politik ist es, notwendige Anstrengungen zur Karriereförderung von Frauen, zum Beispiel zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, nicht länger auf die lange Bank zu schieben.

Dann halten Sie auch das Betreuungsgeld nicht für sinnvoll?

Entgegen den Verlautbarungen der Politik zählt das Betreuungsgeld nicht zu den sinnvollen familienpolitischen Leistungen. Gerade für Frauen wird ein finanzieller Anreiz geschaffen, dem Arbeitsmarkt fernzubleiben. Dabei sind lange familienbedingte Erwerbsunterbrechungen eine Ursache für Qualifikationsverluste und damit für Nachteile in der Berufskarriere. Es ist widersprüchlich, von den Unternehmen zu erwarten, mehr Frauen in Führungsverantwortung zu bringen und gleichzeitig Anreize zu setzen, die Frauen vom Arbeitsmarkt fernhalten. Es ist abwegig, Eltern Ausgleichszahlungen dafür zu geben, dass sie staatlich finanzierte Betreuungseinrichtungen nicht in Anspruch nehmen. Schließlich bekommt auch niemand Geld dafür, wenn er staatlich finanzierte Museen oder Theater nicht besucht.

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