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Theaterkritik : Verdienter Applaus für „Die Welle“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

180 überwiegend jugendliche Zuschauer sahen die Aufführung der „American Drama Group Europe“ . Vorab gab es für die Schüler einen Film.

Am Donnerstag gastierte ein Ensemble der in Neumünster gern gesehenen „American Drama Group Europe“ mit „The Wave – Die Welle“, die seit den 1970er-Jahren als Buch, Film und Theaterstück aktuell blieb und beispielhaft Jugendliche an das Thema Faschismus heranführte. Da es auch als englische Schullektüre im Einsatz und ab Klasse 10 für jeden Schüler verständlich ist, hätte man eigentlich mit einem vollen Theater rechnen können. Doch leider folgten nur 180 überwiegend jugendliche Zuschauer gespannt und aufmerksam der lebendigen Aufführung und hatten die Gelegenheit sich mit einem ebenso brisanten wie zeitlosen Thema zu beschäftigen.

Von Albert Einstein stammt der Satz: „Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“ Diese Aussage führte den Lehrer Ron Jones an einer High School in Kalifornien 1969 zu einem Klassen-Experiment, das Schülern klar machen sollte, wie anfällig sie selbst für faschistoide Verhaltensweisen sind. Der Schriftsteller Morton Rhue nahm das „erschreckend gelungene“ Experiment zum Anlass für sein Jugendbuch „The Wave“ (1981), das der umsichtige Regisseur Paul Stebbings zusammen mit Phil Smith für die Bühne adaptierte.

Zu Beginn der Aufführung sahen die Schüler (nicht die Zuschauer) einen Film über die Verbrechen der Nazis, und schnell standen große Fragen im Raum: Waren alle Deutschen Nazis? Warum hat keiner versucht, sie an ihrem Tun zu hindern? Warum haben so viele Deutsche behauptet, sie hätten von all den Gräueln nichts gewusst? Am Ende – nachdem die „Bewegung“ abrupt gestoppt wurde – sagte keiner der Schüler mehr: So etwas könnte uns nicht passieren!

Schnell entfalteten die Spielszenen eine packende Eigendynamik. Mit raffinert-einfachen Bühnenmitteln, Lichtregie, Musik, Körpersprache und Pantomime wurden Figuren zu Menschen, mit denen man sich identifizieren konnte. Der Lehrer Ben Ross (überzeugend-demagogisch Jean-Paul Pfluger) stellte die ungewöhnliche Unterrichtssituation her. Er selbst zeigte sich fasziniert von den Möglichkeiten der „Führer“-Rolle und erkannte – fast zu spät –, „wie leicht man den Glauben dieser jungen Menschen manipulieren kann.“ An zwei Figuren wurden extreme Verhaltensweisen festgemacht: Laurie (nachdenklich Ina Marie Smith) erkannte schnell, dass sie in der „Welle“ kein unabhängig denkendes und handelndes Individuum bleiben kann; Außenseiter Robert (sehr gut Jon-Paul Rowden) stellte sich voll hinter die „Ziele“ der „Welle“ und wurde durch deren Auflösung in eine schwere seelische Krise gestürzt. Zwischen Laurie und Robert stand David (William Hatcher), der erst „aufwachte“ als er Laurie gegenüber handgreiflich wurde. Die Aufführung „The Wave“ (leider waren keine Programme vorhanden) sprach Verstand und Gefühl gleichermaßen an, beschrieb die Macht der Symbole und Parolen („Macht durch Disziplin“; „Macht durch Gemeinschaft“; „Macht durch Handeln“) und zeigte deren Folgen. Die jugendlich-agilen Darsteller erhielten dafür starken, verdienten Applaus.




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erstellt am 26.Okt.2013 | 17:00 Uhr

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