Neumünster : Urlaubsgrüße von der „Kunst-Turbine“

Daniel Wilkens von „P&B“ am Bahnhof verkauft in Spitzenzeiten bis zu zehn Ansichtskarten am Tag.
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Daniel Wilkens von „P&B“ am Bahnhof verkauft in Spitzenzeiten bis zu zehn Ansichtskarten am Tag.

Trotz Handy und WhatsApp: Die gute alte Ansichtskarte lebt. Aber nicht alle Stadtansichten sind taufrisch.

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03. August 2018, 08:30 Uhr

Neumünster | Ich und der Eiffelturm! Ich und der Big Ben! Ich und das Neumünsteraner Rathaus im Zuckerbäckerstil! – Klar, wer was auf sich hält und viel herumkommt, macht natürlich ein Selfie mit dem Handy, um die Lieben aus Freundes- und Familienkreis daheim mit netten Grüßen aus dem Urlaub zu beglücken.

Aber ist das wirklich immer das Gelbe vom Ei?

Bettina Krauskopf, Buchhändlerin am Großflecken, hat da so ihre Zweifel: „Ein paar handgeschriebene Zeilen sind immer etwas Persönliches und kommen beim Empfänger ganz anders an.“ Für die passionierte Vielschreiberin steht daher fest: „Die Postkarte lebt – trotz Handy und WhatsApp!“

So sieht man’s auch bei der Konkurrenz: „Natürlich ist die Nachfrage zurückgegangen, seit jedermann per Handy in Nullkommanichts sein persönliches Urlaubsfoto um die Welt schicken kann“, erklärt Daniel Wilkens, Filialleiter bei „P & B“ im Bahnhof. Dennoch gebe es für die Postkarte nach wie vor einen festen Kundenkreis: A – die Rentner, die mit Handy und „so ’nem Kram“ nichts am Hut haben und B – Familien oder junge Menschen, die Rücksicht auf Daheimgebliebene nehmen, die „mit Handy und „so ’nem Kram“ nichts am Hut haben. „Und das sind doch eine ganze Reihe“, sagt Wilkens: Immerhin zwischen zwei und zehn Ansichtskarten gehen Wilkens zufolge jetzt zur Urlaubszeit im Bahnhofsbuchladen täglich über den Verkaufstresen.

Übrigens nicht nur in Originalgröße: Neuester Trend auf dem Postkartenmarkt sind die so genannten „Magnetkarten“: Auf Scheckkartengröße verkleinerte Ansichtskarten, die man zwar nicht verschicken, dafür aber bei der Rückkehr den Lieben auf den Kühlschrank pappen kann.

Auch bei Hugendubel – einzige Verkaufsstation für Ansichtskarten in der Holsten-Galerie – hat man längst erkannt, dass sich Ansichtspostkarten im Angebot prima mit weiteren Mitbringseln kombinieren lassen: „Kunden, die den Ständer mit den Ansichtskarten durchsuchen, stöbern auch gern mal bei den Bildbänden über Neumünster“, verrät Buchhändlerin Neele Johannsen. Renner ist derzeit etwa ein schmales dreisprachiges Bändchen (fast) im Postkartenformat. „Mit den kurzen Beschreibungen auf englisch oder französisch können auch Touristen aus Skandinavien oder Italien etwas anfangen“ , vermutet die Buchhändlerin.

Und welche Postkarten motive sind besonders gefragt? „Schwer zu sagen“, meint eine Drogerieverkäuferin am Großflecken, wohl auch „weil wir in den seltensten Fällen darauf achten, welche Karten die Kunden wählen“, wie sie einräumt. Nur so viel: Am häufigsten gewählt werden heute offenbar die „Kombi-Karten“, also solche Ansichtskarten, auf denen nicht nur eine sondern eine breite Palette von Sehenswürdigkeiten zu sehen ist. Würdige Motive finden die Karten-Verlage in Neumünster offenbar genug: Allen voran ist – kaum verwunderlich – Neumünsters Rathaus auf fast allen Karten zu finden, dicht gefolgt – und schon eher überraschend – von der „Kunst-Turbine“ vor dem Klatsch-Palais auf dem Großflecken. Aber auch Westphalen-Haus, Vicelinkirche oder die markanten Eckgebäude an der Holstenstraße setzten die Karten-Fotografen ins rechte Licht – wenn sie sich hier in letzter Zeit auch rar machten.

Neumünsteraner dürften sich bei mancher Ansicht jedenfalls verwundert die Augen reiben: Auf dem Gänsemarkt steht auf der Postkarte noch das Courierhaus (Abriss 2014) statt der Holsten-Galerie, auf dem Teich schwimmt noch die Duckstein-Insel (abgebaut 2010). Das Museum Tuch + Technik (Einweihung 2007) vor der Stadthalle ist auf den Kleinflecken-Motiven noch eine große Freifläche, und auch die Zuckerbäcker-Fassade des Rathauses entspricht auf den Postkarten nicht immer dem aktuellen Stand.

Aber was soll’s! Wer es unbedingt genauer möchte, kann ja noch schnell ein Selfie schießen: Ich vor dem Rathaus! Ich vor dem Museum! Ich vor dem DOC!

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