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Holsteinischer Courier

22. Oktober 2017 | 21:36 Uhr

Urlaub an der Ostsee für 30 Mark

vom

Die Zeltlagergemeinschaft Neumünster gibt es seit über 60 Jahren / Fotos aus den 50er-Jahren von Courier-Legende Walter Erben

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2013 | 05:59 Uhr

Neumünster in Schwarz-Weiß: Für viele Neumünsteraner ist sie eine unvergessene Erinnerung: die Zeltlagergemeinschaft Neumünster - und damit Ferienvergnügen am Ostseestrand in Jahren der Not und der knappen Reisemöglichkeiten. Mit Unterstützung der britischen Militärregierung wurde bereits 1946 ein Zeltlager ins Leben gerufen, das es bis heute gibt.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte der Zeltlagergemeinschaft Neumünster mit dem ersten Zeltlager am Einfelder See, das der damalige Stadtjugendpfleger Johannes "Hannes" Weiß schon in den Sommermonaten 1946 organisieren kann. Hilfe und Unterstützung leistet die britische Militärregierung, in deren Anordnung vom 29. Juli 1946 es heißt: "Das Lager wird am 1. August eröffnet und hoffentlich bis Mitte September dauern. Aufsicht wird durch das Jugendamt angeordnet."

Die Briten stellen Zelte, Wolldecken und Lastwagen für den Transport zur Verfügung. Ebenfalls großen Einsatz leisten die Neumünsteraner Sportvereine. Am 28. Juli beginnt das Zeltlager am See, das in vier Wochen 1300 Kindern Ferienvergnügen bietet - bei einem Eigenanteil von sieben Reichsmark für 14 Tage.

Das Erlebnis ist so schön, dass das Zeltlager zu einer dauerhaften Einrichtung werden soll - möglichst an der Ostsee. Auf Initiative von Hannes Weiß folgt im September 1946 die Gründung des Vereins "Zeltlagergemeinschaft Neumünster". Schon ein Jahr später kann der Wunsch "Ostsee" realisiert werden: Das Zeltlager findet einen Platz am Schönberger Strand. "Auf dem 30 000 Quadratmeter großen Gelände direkt am Wasser konnten wir die Zeltstadt aufbauen", heißt es in der Geschichte des Vereins. "In diesem Jahr wurde auch 800 Flüchtlingskindern die Möglichkeit gegeben, ihre Ferien dort zu verbringen, wo es Gegensätze zwischen Einheimischen und Flüchtlingen nicht gab." Die Kinder, so wird in der Chronik ausgeführt, seien nur durch ihren Dialekt zu unterscheiden gewesen.

Dass die Verpflegung in der ersten Zeit in einer Wellblechbaracke zubereitet werden muss und die sanitären Anlagen zu wünschen übrig lassen, ist akzeptierter All-tag. Auch die Währungsreform 1948 kann die positive Entwicklung nicht bremsen. Bereits einen Tag nach dem Geldumtausch (20. Juni 1948) können die ersten 600 von 2700 Kindern und Jugendlichen nach "Heidkate" an den Schönberger Strand fahren. In diesem Sommer wird auch das in Selbsthilfe errichtete massive Wirtschaftsgebäude fertig.

Ebenfalls 1948 beginnt mit dem Besuch der ersten Hamburger Schulklasse ein Austausch, den der Verein zu einem erfolgreichen Programm entwickelt. Für viele Kinder aus Neumünster können die Ferienziele nun auch Zeltlager in Hessen, Bayern oder Tirol sein.

Das Ferienvergnügen an der Ostsee indes bleibt preiswert: 1949 betragen die Kosten für eine 14-tägige Freizeit einschließlich der Fahrtkosten von und nach Neumünster 30 Mark. Höhere Einkünfte wittern in den folgenden Jahren allerdings Geschäftsleute, denen der noch improvisierte "Lagerplatz" als Investitionsmöglichkeit ins Auge fällt. Für ein Jugendzeltlager ist da kein Platz. Die Neumünsteraner müssen gehen, finden aber gleich einen Zeltplatz bei Grömitz als neues Domizil.

Im Juni 1954 sind hier, in Lensterstrand, alle erforderlichen Auflagen der Gemeinde erfüllt. Mit dem Bau eines neuen Jugendzeltlagers kann begonnen werden. Da der Platz nur für fünf Jahre an die Neumünsteraner verpachtet wird, ist eine feste Bebauung zunächst nicht möglich. Erst Mitte der 60er-Jahre werden die bis dahin genutzten Grundstücke zum Eigentum der Zeltlagergemeinschaft Neumünster.

Bereits 1968 können auf dem Hauptplatz des rund 70 000 Quadratmeter großen Geländes zwölf kleine Häuser und 1971/72 eine Aufenthaltshalle gebaut werden. In den folgenden Jahren müssen viele behördliche Auflagen erfüllt und interne Fragen von Trägerschaft und Lagerleitung geregelt werden.

Als ein Neubeginn für die Einrichtung ist in der Chronik der April 1974 bezeichnet: Die Stadt schließt mit dem Kreissportverband Neumünster einen Nutzungsvertrag, der bis heute besteht. Und immer noch zählt "Lenste", wie das Lager nur kurz genannt wird, jedes Jahr weit über 20 000 Übernachtungen von Gruppen aus ganz Deutschland.

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