Unverbrauchte Worte

Die Flüchtlingsberaterin Rike Müller (von links) und Diakonin Katharina Wittkugel-Firrincieli freuten sich über das Engagement der Gemeindemitglieder von Pastor Gunther Gauger.
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Die Flüchtlingsberaterin Rike Müller (von links) und Diakonin Katharina Wittkugel-Firrincieli freuten sich über das Engagement der Gemeindemitglieder von Pastor Gunther Gauger.

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28. Mai 2014, 10:06 Uhr

Ein kleines Mädchen ist mit ihrer Mutter bei einer Kindertherapeutin. Das Mädchen schluchzt verzweifelt und lässt sich durch nichts in der Welt trösten. Plötzlich fragt die Therapeutin: „Möchtest du eine Blumenpuppe?“ Sofort hört das Mädchen auf zu weinen. Ein Leuchten erscheint auf ihrem Gesicht. „Ja! Unbedingt, eine Blumenpuppe.“ Doch die Therapeutin weiß nicht, was eine Blumenpuppe ist.

Die Wirkung dieses Wortes war nicht machbar, planbar oder verfügbar. Es war eine Art Gedankenblitz, ein Wortspiel, ein unverbrauchtes Wort, das bei dem Mädchen einen Resonanzraum schafft, eine Leuchtspur eröffnet, die ihr den Weg aus der Verzweiflung weist.

Worte, die unverbraucht – das heißt nicht für die Herrschaft und Unterdrückung über andere Menschen missbraucht werden können – suchten Menschen, die sich vom totalitären System der Nazis abgrenzen wollten.

Vor 80 Jahren, am 31. Mai 1934, verabschiedeten 137 Männer und eine Frau, Stephanie von Mackensen aus Pommern, in Wuppertal die Barmer Theologische Erklärung. Ihr Bekenntnis ist eindeutig und klar: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes.“ Ihre Glaubensüberzeugung ist Widerstand gegen den Anspruch Hitlers auf absoluten Gehorsam. Die Mächte der Welt haben für Christen nicht das letzte Wort. In Barmen weht der Geist der ersten Gemeinden.

Aus dieser von Gott geschenkten Freiheit können sich Frauen und Männer heute für Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit in der Welt einsetzen. Gegen die todbringenden Auswirkungen entfesselter Märkte, gegen Strukturen, die Menschen in aler Welt versklaven und verarmen lassen, gegen rechte Gewalt, für Geschlechtergerechtigkeit und für ein Leben in Gemeinschaft, Frieden, Gerechtigkeit in all seiner ganzen Vielfalt.

Auf dem Weg nach Pfingsten können wir Worte erfinden und uns schenken lassen, die zu Freiheit und Solidarität (be)rufen. Unverbraucht und unverfügbar – Worte des Lebens.

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