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Freiherr-vom-Stein-Schule : Unterricht an der preisgekrönten Stein-Schule

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Seit 2007 geht die Stein-Schule neue Wege. Vor wenigen Wochen wurde sie beim Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.

von
erstellt am 28.Jun.2016 | 13:00 Uhr

Neumünster | Bastian (11) und Anton (12) liegen in ihrem Klassenzimmer auf dem Bauch. Sie beschäftigen sich – ebenso wie die anderen Schüler der Unterstufe – seit zwei Wochen mit dem Thema Zeitreise. Die beiden Jungs bilden gerade eine kleine Arbeitsgruppe – und das bäuchlings auf einer Art Sofa. Nebeneinander ausgestreckt stecken sie ihre Nasen in ihre Aufzeichnungen. „Wir beschäftigen uns mit der Forscheraufgabe, wo die Menschen wohl in der Zukunft leben werden – auf der Erde oder woanders“, beschreiben sie. Ihr besonderer Arbeitsplatz ist in der Schule keine Seltenheit. Es gibt in nahezu jeder Klasse die Möglichkeit, im Liegen zu lernen. Bastian und Anton finden das praktisch. „Ich lese zu Hause meist auch auf dem Bauch. Da kann ich mich super konzentrieren“, meint Anton.

Seit 2007 geht die Stein-Schule neue Wege. Damals fielen laut Schulleiterin Maike Schubert zufällig mehrere Veränderungen zusammen: Die traditionelle Realschule wurde als Schulart landesweit abgeschafft. Aus der Stein-Schule wurde eine Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe. Parallel erhielt der Standort einen Neubau, und der Schulleiter und der Konrektor gingen in den Ruhestand. Mit dem neuen Leitungsteam kamen auch neue Ideen.

Levin und Mattes (beide 13) besuchen ebenfalls die Unterstufe. Sie haben sich an separate, abgeschirmte Arbeitstische zurückgezogen, um einzeln an einem mathematischen Ansatz des Projektes zu arbeiten. Sie sind gerade im alten Rom und knobeln über römische Zahlen. „Wenn man leise arbeiten will, ist so ’ne Denkzelle super“, meint Mattes.

Jeder Lernschritt wird vom ersten bis zum letzten Schultag im sogenannten Logbuch dokumentiert. In dem dicken Din-A-4-Heft, das jeder Schüler täglich mitbringen muss, sind nicht nur sämtliche Projekttermine und -themen, sondern auch die regelmäßigen Gespräche zwischen Eltern, Schülern und Lehrern, Praktika oder Termine für Leistungsnachweise festgelegt. Nach jedem Projektabschnitt müssen die Schüler einen Nachweis über ihren Lernfortschritt erbringen, den sie nach Absprache mit dem Lehrer wählen dürfen. Mal ist es ein Test, mal ein Referat, ein szenisches Spiel oder ein selbst erstelltes Video oder Lernspiel. Und immer wieder steht die Reflexion im Vordergrund: Bin ich weiter gekommen? Warum hat es funktioniert? Warum nicht?

In der Unterstufe kommen 35 Lernnachweise im Jahr zusammen, in der Mittelstufe sind es sogar 49. Hinzu kommen noch für alle Schüler vier Klassenarbeiten in den Hauptfächern Deutsch, Mathe und Englisch pro Jahr sowie zwei umfangreiche Ausarbeitungen, die wie Klassenarbeiten gewertet werden.

In der Mittelstufe sind statt der Zeitreise gerade fünf Wochen lang Helden als Projektthema gefragt. „In den ersten drei Tagen machen wir die Planung, dann holt man sich das Arbeitsmaterial“, erzählen Hannah und Wiebke (beide 15). Mittlerweile sitzen sie an englischen Büchern über Helden. Hannah informiert sich über Mozart, Wiebke über Jesus. An diesem Tag haben beide auch schon Flugparabeln berechnet – denn viele Helden sind nun mal in der Luft unterwegs.

Gibt es bei den Aufgaben Fragen, versuchen sich die Schüler erst einmal gegenseitig zu helfen. „Wenn das nicht klappt, fragen wir die älteren Schüler“, erklären Hannah und Wiebke. Außerdem stehen ihnen Lernvideos zur Verfügung. Und natürlich ist stets ein Lehrer als Ansprechpartner vor Ort. Außerdem wissen die Schüler schnell, welcher Klassenkamerad welche Stärken hat. So gilt Hannah beispielsweise auch bei deutlich älteren Mitschülern als Spezialistin für Powerpoint-Präsentationen und wird deshalb gern hinzugezogen, wenn es Probleme bei der visuellen Gestaltung gibt. Geduldig hilft sie, gemeinsam diskutiert sie mit einer Mitschülerin die Lösung auf ihrem Tablet-Computer.

Das digitale Lernen wird an der Stein-Schule ohnehin groß geschrieben. Vor einiger Zeit griffen die Lehrer den Wunsch der Schüler auf, Handys und MP3-Player nutzen zu dürfen. Es wurde ein Konzept erarbeitet. Seit dem Sommer 2015 existiert eine Lernplattform, auf der die Schüler ihre eigenen digitalen Medien nutzen dürfen. Dort werden alle papiergebundenen Materialien, angereichert mit Lern-Apps, wie in einem „digitalen Klassenschrank“ eingestellt. Schüler können recherchieren oder Präsentationen erarbeiten, sich aber auch mit Lehrern austauschen. Für die Eltern gibt es einen eigenen Zugang, so dass sie online verfolgen können, was wann gefordert wird. „Wir wollen ganz bewusst diese Transparenz“, sagt die Schulleiterin.

Zu Stubenhockern, die ständig vor dem PC sitzen, werden die Stein-Schüller trotzdem nicht. Dafür sorgen nicht nur diverse weitere Projekte und der offene Ganztagsbereich nach 14 Uhr mit vielen praktischen Angeboten, sondern auch der kleine Schrebergarten, den die Schule seit Herbst 2015 nur wenige Gehminuten entfernt am Brüningsweg gemietet hat. Die Lehrer nennen die Parzelle den „Draum“ – den Draußen-Lern-Raum. Die Schüler sprechen einfach von „unserem Garten“, wenn sie zwischen den Beeten knien und die Kartoffeln häufeln.

Gerade hat sich Lehrerin Doris Seydel mit mehreren Unterstufenschülern auf den Weg zum Garten gemacht. Fast nebenbei erklärt sie ihnen das Johanniskraut, das am Wegesrand wächst, berichtet von der Heilwirkung bei Depressionen und zeigt Blüten und Blätter.

Vor Ort werden die jungen Gärtner diesmal von einem ohrenbetäubenden Lärm erwartet. Die Lehrer Andreas Tabeling und Jürgen Morlang sind mit Schülern des Technikkurses schon vor Ort. Mit Meißel, Vorschlaghammer und elektrischem Stemmhammer reißen Paul (14) und Lennart (15) in der Gartenlaube eine Wand ein. „Das ist eine Auflage der Stadt. Der Raum ist zu groß, die Wand muss versetzt werden“, berichten die Lehrer. Die Bauzeichnung haben die Schüler mit der Stadt abgesprochen.

Soura (12), Eda (12) und Chantal-Sophie haben es am Gartentor plötzlich eilig. Sie müssen sofort die Erbsen begutachten, die sie vor einigen Tagen gepflanzt haben. Zwei Jungen sollen den Rasen mähen – „und zwar auch die Ecken“. Und weil es bald viele Tomaten geben wird, soll noch Basilikum gesät werden. Zweieinhalb Stunden verbringt Doris Seydel mit ihren Schülern regelmäßig im Garten. „Die braucht man mindestens“, sagt sie.

„Wir wollen den Draum in den Schulalltag einbauen, wollen das Lernen dort sinnhaft und handlungsorientiert machen“, sagt die Schulleiterin. Das geht nicht nur über die Naturwissenschaft, sondern fächerübergreifend. Die Größe von Beeten wird berechnet. Bänke werden konstruiert. Das Gemüse, das im Garten gezogen wird, wird mit Voranmeldung an das Projekt „Schüler kochen für Schüler“ weitergereicht. An einem Tag werden dicke Bohnen aus dem Garten mitgebracht – und am nächsten Tag kochen die Schüler Wurstgulasch mit Bohnen.

Das Konzept, für das die Stein-Schule jetzt ausgezeichnet wurde, ist sicher kein Allheilmittel für alle schulischen Probleme. „Wir haben, wie alle anderen Schulen auch, Schüler, die sich verweigern, die zu Hause keinen Rückhalt bekommen oder andere große Schwierigkeiten haben“, erklärt die Schulleiterin. Dennoch kann sie sich mit ihrem Team über viele Erfolge freuen. So kommt nach den Praktika oft Lob von den Firmen, denen die Verlässlichkeit, Selbstständigkeit und lösungsorientierte Arbeitsweise vieler Schüler auffällt. Und in den vergangenen zwei Jahren schafften 70 Prozent der Absolventen die Versetzung in die Oberstufe.

So auch Jule (16), die in diesem Jahr mit Bestnoten auf die Elly-Heus-Knapp-Schule wechseln und Abitur machen will. „Für mich war der Ansatz auf der Stein-Schule genau richtig“, sagt sie rückblickend. „Ich war früher sehr schüchtern, mochte nicht vor Gruppen sprechen, habe mich nicht gemeldet, auch wenn ich die Antworten wusste“, erzählt sie. Auf der Stein-Schule tastete sie sich über Einzelgespräche und Kleingruppenarbeit über Jahre an das Problem heran. Mittlerweile hält sie gern Vorträge. Jule sagt: „Ich fühle mich richtig gut vorbereitet. Und trotzdem ist es schade, dass die Stein-Schule keine Oberstufe hat.“

Das Konzept

 An der Stein-Schule werden Schüler mit sehr unterschiedlichem Wissen, sehr unterschiedlichen Begabungen, familiären Hintergründen oder Sprachkenntnissen unterrichtet. „Vom Schüler mit Förderbedarf bis zum hochbegabten Gymnasialkind ist alles dabei“, erläutert   Schulleiterin Maike Schubert.   „Unsere Aufgabe ist es, den Unterricht so zu gestalten, dass jeder seine individuellen Fortschritte machen kann und die auch gewürdigt bekommt“, sagt sie.

 Ganz wichtig ist ihr und ihrem Team, dass „die Schüler die Erfolgszuversicht nicht verlieren. Wir wollen ein Klima, wo jeder Erfolge haben kann, denn das hat Auswirkungen auf die Leistung. Wer überzeugt ist, etwas zu schaffen, der leistet auch mehr. Wir wollen die Schüler deshalb nicht  miteinander vergleichen“, so die Pädagogin.

Um das zu gewährleisten, wird immer genau geschaut, was das einzelne Kind kann und was sein  nächster Lernschritt ist.  Bis  Klasse 8 werden keine Noten vergeben – danach sind sie aber gesetzlich vorgeschrieben.  Gearbeitet wird   in fünfwöchigen, fächerübergreifenden Projekten.  Dabei bekommen die neun  Unterstufenklassen (5. bis 7.) und die zwölf  Mittelstufenklassen  des 8. bis 10. Jahrgangs über das Jahr verteilt immer neue „Oberthemen“.  In  Absprache  mit dem Lehrer setzen sich die Schüler Schwerpunkte und  planen ihr Arbeitspensum.

 

 

Freiherr-vom-Stein-Schule: Daten und Fakten

An der Freiherr-vom-Stein-Schule (Gemeinschaftsschule) werden zurzeit knapp 600 Schüler im Alter von 10 bis 17 Jahren von 45 Lehrern unterrichtet. Hinzu kommen zwei Sozialpädagogen im offenen Ganztagsbereich bzw. in der Schulsozialarbeit.  Zum Schuljahr 2012/2013 bekam  die Schule  für rund acht  Millionen Euro einen  Teilneubau und  eine  Sanierung.  Am 8. Juni 2016 erhielt sie bei der Vergabe des Deutschen Schulpreises  eine mit 25000 Euro dotierte Auszeichnung, die von der Robert-Bosch-Stiftung vergeben wird. Bei  ihrer Entwicklung wird die Stein-Schule von mehreren Universitäten  wissenschaftlich begleitet.

 

 

 

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