Silvester-Raketen : Unter Reet: Der schlimmste Tag im Jahr

In der Silvesternacht geht Friedhelm Melzner-Gralfs des öfteren ums Haus, um zu schauen, ob nicht etwa Raketen auf dem Reetdach gelandet sind. Foto: Post
In der Silvesternacht geht Friedhelm Melzner-Gralfs des öfteren ums Haus, um zu schauen, ob nicht etwa Raketen auf dem Reetdach gelandet sind. Foto: Post

Silvester sind Reetdachhausbesitzer besonders wachsam. Wenn eine Rakete auf ihrem Dach explodiert, ist das Haus in Gefahr.

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03. Januar 2011, 08:08 Uhr

Neumünster | Wenn in der Silvesternacht die Feuerwerksraketen aufsteigen, blickt Friedhelm Melzner-Gralfs (54) eher sorgenvoll gen Himmel. Der Einfelder wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern in einem alten, hergerichteten Bauernhaus am Krückenkrug. Die große Dachfläche ist mit Reet gedeckt und damit leicht entzündlich. Wenn eine Rakete darauf explodiert, ist das gesamte Haus in Gefahr.
"Normalerweise sind wir ganz entspannt im Hinblick auf unser Dach", sagt Friedhelm Melzner-Gralfs. In dem vor sieben Jahren renovierten Haus sind keine alten Stromleitungen verlegt, die bei einem Kurzschluss Funken schlagen könnten. Es ist auch kein Heu auf dem Dachboden eingelagert, das in feuchtem Zustand bei großer Hitze gären und sich selbst entzünden könnte. Selbst bei Gewitter würden reetgedeckte Gebäude nicht öfter brennen als Häuser mit Dachpfannen, hat sich der Familienvater sagen lassen. Es bleibt der Unsicherheitsfaktor Jahreswechsel.
Nachbarn nehmen Rücksicht
"Wir haben zu Silvester immer ausgebrannte Raketen auf dem Dach liegen. Die müssen von weiter her kommen, denn unsere direkten Nachbarn nehmen im Prinzip Rücksicht", sagt er. Es sei aber auch schon vorgekommen, dass Raketen in der Nähe nicht senkrecht in den Himmel, sondern schräg oder sogar waagerecht abgeschossen wurden. "Das war eine der Silvesternächte, in denen ich schwer in Sorge Haus war", erzählt Friedhelm Melzner-Gralfs.
Ganz schlimm war es allerdings in der Nacht zum Jahr 2008. Damals waren Laternen aus leichtem Papier sehr beliebt, die durch die heiße Luft einer Kerze aufstiegen und kilometerweit fliegen konnten. "Eine solche Himmelslaterne flog in zehn bis 20 Metern Höhe über unser Haus. Ich war sehr in Unruhe und oft draußen", sagt der Atem-, Sprech- und Stimmtherapeut.
Der Schnee schützt
"Bei aller Feierei: Ich gehe öfter ums Haus, um zu schauen, ob nicht irgendwo etwas glüht. Auch unsere Nachbarn haben ein Auge darauf. Zurzeit ist das Dach durch den Schnee geschützt. Bei trockenem Wetter zu Silvester habe ich aber auch schon einen Schlauch bereit gelegt, um schnell zu reagieren." Und: Zu Silvester ist immer jemand da. Wenn nicht die Familie selbst, dann die Bewohner einer der beiden Mietwohnungen im Haus.
Einen vorgeschriebenen Mindestabstand zu reetgedeckten Häusern gibt es nicht. Laut Sprengstoffverordnung ist es allerdings nicht erlaubt, Feuerwerkskörper "in unmittelbarer Nähe" abzubrennen. "Das ist ein dehnbarer Begriff. Er bedeutet auf jeden Fall, dass es direkt daneben verboten ist", sagt Peter Eggers, zuständiger Sachbearbeiter im Ordnungsamt. Das gilt auch für Kirchen, Krankenhäuser, Kinder- und Altenheime. Der Landesfeuerwehrverband empfiehlt einen Abstand von 200 Metern zu allem, was leicht entzündlich ist.
Das Amt Boostedt-Rickling hat gleich Nägel mit Köpfen gemacht: Dort ist es bei Geldbuße verboten, im 200-Meter-Radius um Reethäuser Raketen zu zünden. "Die Feuerwerkskörper, die durch die Bundesanstalt für Materialprüfung zugelassen sind, richten bei sachgerechter Anwendung keine Brände an, auch nicht auf Reetdächern", so Peter Eggers.

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