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Gerichtsbericht : Überfall auf eine 85-Jährige bleibt ohne Sühne

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Schöffengericht musste Angeklagten aus Neumünster trotz vieler Indizien freisprechen.

Neumünster | Im Zweifel für den Angeklagten – So schwer wie selten dürfte es dem Schöffengericht gestern Morgen im großen Saal an der Boostedter Straße gefallen sein, diesem unerschütterlicher Rechtsgrundsatz zu folgen: Aus Mangel an Beweisen musste es einen 24-jährigen Neumünsteraner ziehen lassen, der vor einem Jahr eine demenzkranke, inzwischen verstorbene Seniorin in ihrem Haus in Tungendorf überfallen und ausgeraubt haben soll.

Die Richterin machte in der Urteilsbegründung keinen Hehl aus ihrem unguten Gefühl: „Sie sind freizusprechen – dass ändert aber nichts an meiner Überzeugung, dass Sie mit der Sache was zu tun haben“, gab sie dem Mann mit auf den Weg. Damit verhinderte sie aber nicht, dass der anschließend mit einem Kumpel feixend das Gericht verließ. In der Verhandlung hatte er beharrlich zu dem Vorwurf geschwiegen.

Dabei schien der Fall glasklar – vielleicht zu klar auch für die Polizei, die den Fall damals untersuchte. Es ist der Abend des 17. Februar 2013, kurz vor 20 Uhr. Zwei Männer dringen in das Haus der allein wohnenden 85-Jährigen am Langjähren ein. Der Krach an der Terrassentür weckt die alte Dame; sie kommt die Treppe herunter und überrascht die Einbrecher im Flur. Die Frau wird zu Boden geschlagen oder geschubst, so genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren. Seelenruhig steigen die Männer über die am Boden liegende Frau, um jetzt auch ihr Schlafzimmer im Obergeschoss zu durchwühlen. Die blutüberströmte Frau schleppt sich unterdessen in den Garten ihrer Nachbarn, klopft an deren Wohnzimmerfenster.

„Ich dachte zuerst, sie sei gestürzt“, sagte die Nachbarin gestern im Gerichtssaal aus. Aber dann erzählt die betagte, mitunter etwas verwirrte Nachbarin etwas von zwei Männern, die sie niedergeschlagen haben. Die Nachbarn zweifeln keinen Augenblick an ihren Worten, rufen Polizei und Notarzt. Als die Polizei eintrifft, sind die Einbrecher verschwunden.

Aber es gibt eine weitere Nachbarin: Die sieht kurz nach 20 Uhr zwei Männer zu dem fremden Auto laufen, das vor ihrer Haustür parkt. Die Männer kann sie nicht erkennen, aber die Sache kommt ihr spanisch vor. Sie notiert sich das Kenzeichen.

Am Tag darauf rückt die Polizei beim Besitzer des Wagens, dem Angeklagten, zur Wohnungsdurchsuchung an. Besonders überrascht scheint der Mann nicht zu sein, heißt es im Polizeibericht. Die Beamten finden ein Paar Sportschuhe. Das Profil passt zu den Spuren am Tatort. Ob aber genau dieser Schuh am Tatort getragen wurde, können die Kriminaltechniker nicht belegen.

Einer weiteren Zeugin aus dem Langjähren war der besagte Wagen lange vor dem Überfall aufgefallen, weil dessen Fahrer offenbar mehrfach die Häuser vom Bürgersteig aus inspizierte. „Mal hat er im Auto gesessen, mal an der Straßenlaterne geraucht“, erinnerte sich die Frau. Aber: Der Mann ist nicht der Angeklagte. „Der Fahrer war älter“, versicherte die Zeugin.

Ein Auto am Tatort, das dem Angeklagten gehört, aber offenbar auch von anderen gefahren wurde; ein Schuh, dessen Profil zu den Spuren am Haus passt, die aber nicht zwangsläufig von diesem Schuh stammen müssen: Auch der Staatsanwalt musste einräumen, dass das für eine Verurteilung nicht reicht. Verärgert rügte er die Arbeit der Polizei: „Keine Fingerspuren, keine DNA-Spuren, keine Faserspuren. Warum finde ich dazu nichts in den Ermittlungsakten?“

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erstellt am 22.Feb.2014 | 04:00 Uhr

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