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Tag der Deutschen Einheit : Über die Suche nach Ostdeutschen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Neumünsteraner erzählen über Ost und West.

Neumünster | Es ist schwieriger als gedacht, wenn man sich in Neumünster auf die Suche nach echten Neumünsteranern macht, die ursprünglich aus Ostdeutschland kamen. Das liegt nicht daran, dass es sie nicht gäbe, denn natürlich leben viele Mecklenburger, Thüringer und Sachsen hier. Sondern es liegt wohl vielmehr daran, dass sie schon längst komplett in die Bevölkerung eingetaucht sind und sich kaum noch jemand Gedanken über dieses Thema macht.

Wenn nicht jemand extremes Sächsisch auf dem Großflecken spricht, ausschließlich im Pullover von „Hansa Rostock“ durch die Stadt läuft oder von den Eltern so eindeutige Indikatoren wie die Vornamen Mandy oder Ricco mitbekommen hat, dann kommt niemand mehr auf die Idee, über dessen Herkunft nachzudenken. Und das ist doch auch gut so.

Die Courier-Redaktion hat dann aber doch einige Neumünsteraner mit Ost-Hintergrund getroffen und sie nach ihrer Einschätzung gefragt, ob sie sich noch als Ostdeutsche sehen und ob sie glauben, dass die Deutschen mittlerweile fest zusammengewachsen sind. Oder ob es vielleicht doch noch irgendwo eine unsichtbare Mauer in den Köpfen gibt. Die Antworten gibt es hier:

Helfer Tobias Bläß: „Die Grenze im Kopf ist weg“

Für Rettungsassistent Tobias Bläß (34) ist ein geeintes Deutschland längst normal. Auf Vorurteile oder abfällige Bemerkungen stößt der gebürtige Rostocker im Alltag längst nicht mehr. „Die Grenze im Kopf ist weg“, sagt er. Regelmäßig besucht der ehemalige Leiter der Wasserwacht in Schwerin mit seiner Freundin aus Neumünster die Eltern, die in der Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern geblieben sind. „Auch dieses Wochenende werden wir dort verbringen. Aber die Einheit wird nur noch kurz angesprochen“, sagt er.

Bläß besuchte in Rostock die Schule, ging dann zur Bundeswehr und wechselte nach seinem Posten in Schwerin im Oktober 2012 nach Neumünster zur Berufsfeuerwehr. An die Zeit der Wiedervereinigung vor 25 Jahren hat er nur positive Erinnerungen. „Ich kann nichts Schlechtes über meine Kindheit in der DDR sagen, aber als die Mauer fiel, war das auch eine tolle Situation. Meine Eltern waren ganz aufgeregt.“ Dass er aus dem Osten kommt, ist in seinem Freundes- und Kollegenkreis heute kein Thema mehr. „Wenn überhaupt machen wir darüber vielleicht noch mal einen Witz, aber das wird auch immer weniger.“ Für die junge Generation sei die Einheit ja selbstverständlich, sagt er.

Simone Edling: „Wir brauchen noch eine Generation“

Jahrelang hatten die beiden Leipziger Simone und Jens Edling, damals 26 und 27 Jahre, um ihre Ausreise gekämpft, und dafür viele Anfeindungen in Kauf genommen. Im November 1989 war es dann endlich soweit: Das Ehepaar siedelte mit seiner fünfjährigen Tochter in den Westen über. Dass eine Woche später die Mauer fallen würde, ahnten sie nicht. 750 Mark Starthilfe bekam die Familie, um sich im angeblich goldenen Westen ein neues Leben aufzubauen. Aber nicht nur finanziell war der Anfang schwer, sagt Simone Edling in süßem sächsischen Slang. Als sie sich als Buchhalterin bei einem Autohaus vorstellte, blaffte der Chef sie schnöde an: „Können Sie auch Deutsch sprechen?“

Das saß. Und noch vor zehn Jahren musste sich das Ehepaar, das heute eine florierende Installationsfirma in Tasdorf betreibt, fragen lassen, wie sie „als Ostler denn so schnell zu einem eigenen Haus gekommen“ seien. Auch wenn das Ausnahmen sind: „Es wird wohl noch eine Generation dauern, bis alle Vorurteile verschwunden sind.“

Pastorin Ulrike Witte: „Bei den Älteren ist noch eine Grenze“

Als Pastorentochter, Theologiestudentin und Nichtwählerin hatte Ulrike Witte es in der DDR nicht leicht. Sie und ihr Mann wussten Bescheid, als sie im September 1989 den Antrag auf Besuch bei der Schwiegermutter im Westen stellten und die Behörde plötzlich vorschlug, sie könnten doch die drei Kinder mitnehmen. „Die wollten uns loswerden“, sagt Ulrike Witte (54). Also fuhr die Familie auf Westbesuch und kam nicht zurück. Im Kreis Segeberg wurde sie heimisch.

Seit Februar 2015 ist Ulrike Witte nun als Pastorin in Bokhorst. Und so fühlt sie sich jetzt auch – als Bokhorsterin mit ostdeutschen Wurzeln.  „Das Ostdeutsche hat mich geprägt und ist  meine Basis, und das Westliche ist dazu gekommen.  Ich hätte längst zurückgehen können, aber das wollte ich nie“, sagt sie.

Sie sieht gerade bei den Älteren noch eine Grenze in den Köpfen. „Viele Ostdeutsche trauern der DDR immer noch nach, weil ja ,alles so schön geregelt’ war und sie das Negative ausblenden“, sagt sie. Erst in der nächsten Generation werde die Unterscheidung verschwinden. Und Ulrike Witte bedauert, dass viele Westdeutsche sich zwar rund ums Mittelmeer auskennen, aber noch nie in Ostdeutschland waren.

Diplom-Ingenieurin: „Fühle mich als Gesamtdeutsche“

Seit 1990 arbeitet Gundula Schuhmacher (Jahrgang 1961) als Diplom-Ingenieurin bei der Stadt, unter anderem als Leiterin des Fachdienstes Tiefbau und Grünflächen. Die gebürtige Brandenburgerin und Mutter zweier Töchter findet es typisch „Ossi“, dass es dort ganztägig Kinderbetreuung gab, die Hilfsbereitschaft und den Kollektivgeist und dass Frauen in technischen Berufen selbstverständlich sind: „Eine Ingenieurin aus dem Osten war 1990 hier noch etwas außerirdisch.“ Geschockt sei sie gewesen, dass bei einer Kreditanfrage für einen Hauskauf im Westen ihr Gehalt als Frau nicht zählte, „da ich noch Kinder kriegen könnte –  tiefste Steinzeit.“

Als „Wessi“-Errungenschaft sieht sie die Freiheit, alles gestalten und entscheiden zu können.  „Jetzt fühle ich mich als Gesamtdeutsche, aber mit Stolz und dem Selbstbewusstsein, beide Systeme zu kennen.“ Aber in den älteren Köpfen herrschten immer noch Vorurteile über den Wessi  als besserwisserisch, reich und überheblich. „Erst die Generation unter 35 Jahren lebt ein wirklich gemeinsames Deutschland. Der Neid Richtung Westen ist erst beendet, wenn die Gehälter angeglichen sind.“ Ihr Eindruck: „Im Westen spricht man viel weniger über den Ossi als im Osten über den Wessi.“

Rettungsassistentin Mandy Mess: „Es ist nur noch Spaß“

Das Ost-West-Denken ist nach Ansicht von Mandy Mess (36) ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung so gut wie überwunden. „Hier und da wird im Freundeskreis noch ein Witz gerissen, aber das ist dann wirklich nur noch Spaß“, sagt die Rettungsassistentin bei der Berufsfeuerwehr. Auch sie selbst nehme sich manchmal wegen ihres  ostdeutschen Namens auf die Schippe.

Die Reinfelderin stammt aus Rostock, ging nach dem Mauerfall mit 17 Jahren nach Lübeck und machte eine Ausbildung als Zahnarzthelferin. Weil ihr das zu langweilig war, wechselte sie zur Bundeswehr, machte dort die Ausbildung  zur Rettungsassistentin und arbeitete danach in Lübeck und Pinneberg. Im Juni dieses Jahres kam sie nach Neumünster.

„Ich kann mich an den Mauerfall noch erinnern. Es gab plötzlich viele Dinge zu kaufen, die ich  nur aus dem West-Fernsehen kannte, das wir heimlich geschaut haben.“

Tafel-Chefin Christina Arpe: „Ich habe kein Ost-West-Denken“

Tafel-Chefin Christina Arpe (39) stammt aus Crivitz in Mecklenburg-Vorpommern und hat bis zu ihrem 17. Lebensjahr in Schwerin gewohnt. Der Liebe wegen zog es sie damals nach Neumünster.

Mit Vorurteilen hat die verheiratete Wittorferin nicht zu kämpfen: „Ich habe dieses Ost-West-Denken nicht und kann es auch in meinem Freundeskreis nicht feststellen.“ Das sei früher anders gewesen: „Als ich hergezogen bin, hatte ich es als ‚Ossi‘ schwer – nicht, weil man es mir angesehen hat, sondern weil die Gewohnheiten im Westen ganz andere waren. Das betraf unter anderem das hohe Anspruchsdenken: „Wer seinen Führerschein gemacht hatte, der musste sofort ein Auto haben. Das gab es bei uns nicht.“

 Was sie gar nicht mag, ist die Bezeichnung „neue Bundesländer“: „Solche Formulierungen grenzen aus.“ Noch immer wohnt ein Teil ihrer Familie in Schwerin. „Ich bin dort häufig zu Besuch, aber  den  Satz ‚Wir fahren rüber‘ gibt es heute nicht mehr“, sagt sie. Trotzdem sei es für sie immer noch ein besonderes Gefühl: „Es ist einfach immer wieder schön, nach Hause zu kommen.“

Fußballer Jörg Zenker: „Wir sind ein Volk“

Geboren wurde Jörg Zenker (44) im sächsischen Pirna, doch schon zu DDR-Zeiten zog es die Familie über die Station Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz) in den Norden nach Usedom und Rostock. In den Westen kam Zenker durch den Fußball-Sport. Jeweils vier Jahre spielte der Defensivspieler für Flensburg 08 und den TSV Nord Harrislee. 1998 heuerte er beim VfR an und wohnt seit 2000 auch in Neumünster. Bis 2012 spielte Zenker, der die Geschäftsstelle des ADAC leitet, aktiv im Trikot der Lila-Weißen, war parallel von 2007 bis 2013 auch Co-Trainer und 2013/14 3. Vorsitzender des Vereins.

„Man kann seine Herkunft nie verleugnen, aber das spielt im Alltag keine Rolle mehr. Wir sind ein Volk“, sagt Zenker. Wer ihn auf etwas anderes reduziere, sei selbst schuld. Zenker ist verheiratet, hat zwei Söhne und wohnt heute in Einfeld.

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erstellt am 03.Okt.2015 | 07:00 Uhr

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