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Integration : Türkische Vereine drängen in die Jugendarbeit

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Jugendhilfeausschuss räumt Vereinen Status als anerkannter Träger ein

von
erstellt am 02.Jun.2016 | 08:00 Uhr

Neumünster | Die Jugendarbeit in Neumünster wird multikultureller: Die Türkische Gemeinde Neumünster, die Türkisch Islamische Ditib-Gemeinde und das der Merkezefendi-Moschee nahe stehende Bildungs- und Kulturzentrum werden von der Stadt als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt. Das entschied jetzt der Jugendhilfeausschuss mit großer Mehrheit.

Die drei türkischen Vereine rücken damit in den erlauchten Kreis von derzeit rund 90 Vereinen und Verbänden, die die Stadt bei der offenen Jugendarbeit unterstützen. Die Vereine können jetzt dem Jugendverband beitreten und werden bei der Förderung von Jugendprojekten bevorzugt behandelt, etwa bei der Finanzierung oder Fortbildung von Jugendleitern.

„Ich freue mich riesig über die Entscheidung, wir haben zwei Jahre daraufhingearbeitet – und werden das Vertrauen auf jeden Fall rechtfertigen“, reagierte Ibrahim Ortaçer, Sprecher der Ditib-Gemeinde, auf die Anerkennung.

Die Erleichterung kam nicht unbegründet: Ohne die Verbandsvertreter diskutierte der Jugendhilfeausschuss durchaus kontrovers, ob den türkischen Vereinen der Sonderstatus zugebilligt werden sollte. Wie eng sehen es die Vereine mit der Trennung von Religion und Jugendarbeit? Werden unsere Wertvorstellungen – etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau – tatsächlich vertreten? Viel Skepsis stand in der gut einstündigen Diskussion teils nur angedeutet im Raum.

Schon bei der vorangegangenen Anhörung mussten sich die Vereinsvertreter kritische Anmerkungen und Fragen gefallen lassen: „Wenn ich über Ditib Deutschland im Internet recherchiere, finde ich auch viel Negatives“, verpackte Ausschusschef Thorsten Klimm (SPD) seine Bedenken. Tatsächlich wird den Ditib-Gemeinden eine allzu enge Verbindung zum türkischen Staat nachgesagt. Ditib sei in Deutschland das verlängerte Sprachrohr der Erdogan-Politik, glauben Kritiker. Ibrahim Ortaçer wies das für seine Gemeinde zurück und pochte auf die Unabhängigkeit der lokalen Vereine. Alle drei türkischen Vereine verwiesen auf ein breit gefächertes Netz von Integrationskursen und Jugendangeboten, das Mädchen wie Jungen sowie Kindern unterschiedlicher Religion und Herkunft gleichermaßen offen stehe. Die Mitglieder der Vereine würden sich zum islamischen Glauben bekennen, das schließe aber eine weltoffene Jugendarbeit natürlich nicht aus, unterstrich auch Tufan Kiroglu von der Türkischen Gemeinde.

Letztlich folgte der Ausschuss der klaren Fürsprache von Propst Stefan Block: „Wir arbeiten auf vielen Ebenen mit den drei Vereinen vertrauensvoll zusammen. Ich halte sie aufgrund jahrelanger Erfahrungen für hochseriös.“

STANDPUNKT

von Jens Bluhm

Der Ausschuss hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht – und sie  ist richtig: Alle drei  türkischen Vereine,  die jetzt den Ritterschlag als anerkannter Träger der öffentlichen Jugendhilfe erhielten, haben sich das Wohlwollen redlich verdient. Alle drei engagieren sich seit vielen Jahren für eine erfolgreiche Integration,  kämpfen gegen Ausgrenzung und Extremismus jeglicher Art. Auf Stadtteil- und Kinderfesten haben sie ihre Weltoffenheit unter Beweis gestellt, das wird von einer Vielzahl nicht-türkischer Partner gern bestätigt.  Ihnen jetzt die Anerkennung  zu  versagen, nur weil sich auch in ihren Reihen  Menschen finden könnten, die (noch?) nicht  in jedem Fall hinter unserer Wertegemeinschaft stehen, wäre unfair und kontraproduktiv. Etwas mehr Vertrauen bitte, dann fällt auch die Integration neuer Mitbürger leichter, die jetzt erst noch kommen.

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