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Holsteinischer Courier

18. August 2017 | 14:53 Uhr

Tschaikowski seziert, Zuhörer überrascht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

„Bei kaum einem anderen Komponisten hatten Lebensumstände und persönliche Probleme so einen Einfluss auf sein Werk wie bei Pjotr Iljitsch Tschaikowski“, sagte Dr. Klaus Volker Mader zu Beginn seines Vortages über den russischen Komponisten und belegte diese Feststellung in knapp 120 Minuten mit musikalischen Beispielen und biografischen Fakten unter dem Thema: „Zwischen Genie und Verzweiflung“.

Eingeladen hatte am Mittwochabend ins Museum Tuch+Technik der lokale Beirat des Schleswig-Holstein Musik-Festivals. Mehr als 80 Zuhörer folgten den Ausführungen des engagierten Chorleiters und Präsidenten des Landesmusikrates.

Mader sezierte den Komponisten förmlich und eröffnete seinen Vortrag mit den ersten Takten des 1. Klavierkonzertes von Tschaikowski und interpretierte sie mit der launigen Bemerkung: „Die ersten Minuten sind berühmt, den Rest kennt kaum jemand.“ Nach biografischen Fakten aus der Jugendzeit des Russen, wie dem frühen Tod der Mutter und die Besuche der Konservatorien in St. Petersburg und Moskau, kam Mader zur 1. Sinfonie „Winterträume“ von 1868. „Sehr schwer und spröde, klingt sehr abgerungen“, meinte Mader und führte das auf die unerfüllte Sexualität des damals 28-Jährigen zurück. Auch seine erste Oper war ein Fehlschlag. Er selbst schrieb an seinen Bruder: „Die Oper ist so schlecht, dass ich aus den Proben geflohen bin.“

Dann kam Mader zum Jahr 1877, dem Schicksalsjahr des Komponisten. Seine Ehe endete nach nur drei Monaten im Fiasko. Danach begann eine 14-jährige Freundschaft mit Nadeshda von Meck, die ihm mit einer Leibrente seine Existenz sicherte. Es begann zugleich seine erfolgreichste Schaffensperiode als Komponist und Dirigent.

Anschließend zerpflückte Mader das Konzert für Violine und Orchester in D-Dur, um die Widersprüchlichkeit, ja Zerrissenheit Tschaikowskis aufzuzeigen. Es sei symptomatisch bei ihm, dass sinnliche, einfühlsame Tonfolgen überraschend von gebrochenen Akkorden abgelöst würden, die insgesamt sehr kontrastreich seien.

Auch in seiner 5. Sinfonie, der Schicksalssinfonie, zeigte Mader die „irrsinnigen Wandlungen“ innerhalb einzelner Sätze. Am Schluss konnten die Zuhörer an Musikbeispielen wie etwa aus „Der Nussknacker“ hören, wie unterschiedlich Tschaikowski Walzer intonierte, oder was nachfolgende Generationen aus Tschaikowskis Musik machten.

Insgesamt war es ein tiefgründiger Vortag, der auch Kenner noch mit neuen, tieferen Eindrücken überraschte.

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erstellt am 22.Aug.2015 | 13:50 Uhr

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