zur Navigation springen

Wintereinbruch : Trotz Eiseskälte: Noch freie Plätze in der Obdachlosenunterkunft

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Wohnungslosenhilfe warnt: Draußen übernachten wird lebensgefährlich

von
erstellt am 07.Jan.2016 | 18:50 Uhr

Neumünster | Der junge Mann mit der dünnen Jacke kauert sich nur kurz vor die Tür der Obdachlosenunterkunft an der Gasstraße. Hastig nimmt er mit klammen Fingern ein paar Züge seiner Zigarette, dann treibt es ihn zurück in die Tagesstätte der Unterkunft. Vor ein paar Tagen ist er aus seiner Wohnung geflogen, aber er hat Glück: In der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot (ZBS) hat er ein erstes Notquartier gefunden – keine großzügige Bleibe, in der man sich auf Dauer einrichten möchte, aber immerhin hat er ein Dach über dem Kopf.

Das ist gerade an Tagen wie diesen besonders viel Wert. Die schneidende Kälte macht den Aufenthalt im Freien schon tagsüber zu einer Herausforderung. Für Obdachlose wird sie zu einer lebensbedrohenden Gefahr, wenn sie sich nicht rechtzeitig vor der Nacht eine schützende Unterkunft suchen. „Die Kälte erschöpft und macht müde. Die Betroffenen nicken ein und erfrieren,“ erklärt Melanie Popp, Leiterin der Wohnungslosenhilfe. Ihr Appell an alle Neumünsteraner: Wer jetzt auf Menschen trifft, die sich auf eine Übernachtung im Park oder in der Hofecke einrichten, sollte sich einmischen, die Menschen ansprechen oder zumindest die Polizei verständigen, um das Schlimmste zu verhindern.

Paradox: Trotz der Eiseskälte sind in der Obdachlosenunterkunft noch Übernachtungsplätze frei: Nur 10 der 21 Schlafplätze sind derzeit belegt. Das verwundert um so mehr, zumal die Herberge in der Gasstraße in den vergangenen Monaten fast durchgehend überbelegt war. „An manchen Tagen mussten wir zusätzliche Betten in die Gemeinschaftszimmer schieben“, erinnert sich Melanie Popp. Warum die Herberge ausgerechnet jetzt weniger stark aufgesucht wird, kann auch die erfahrene Sozialbetreuerin nur schwer erklären. Eine mögliche Ursache sieht sie in der Tatsache, dass gerade umherziehende Wohnungslose derzeit offenbar vorsichtshalber ihren Stammplätzen treu bleiben und auf riskante Wanderschaften verzichten. Sprich: Es kommen derzeit nur vergleichsweise wenige „Berber“ in die Stadt. Das sind in der Regel Menschen, die sich bewusst für das Leben auf der Straße entschieden haben –

Aber auch wenn die Obdachlosenherberge voll ausgelastet ist, gilt in der Gasstraße gerade auch im Winter: Niemand wird abgewiesen. „Auch wenn wir voll sind, organisieren wir immer noch ein Bett für Gestrandete“, versichert Melanie Popp.

Zum Beispiel für den mittellosen Reisenden, der in der Nacht auf dem menschenleeren Bahnhof in der Bahnhofsmission aufschlägt. Auch die Polizei bringt regelmäßig Besucher, die sie in der Stadt aufgegriffen hat und die offenbar nicht mehr in der Lage sind, sich selbst um eine Bleibe zu kümmern.

Die Betreuung der Zentralen Beratungsstelle, die eigentlich vornehmlich von Wohnungsverlust bedrohten Neumünsteranern als erste Anlauf- und Beratungsstelle dienen soll, stellt dabei sicher, dass die Besucher notfalls auch in der Nacht aufgenommen werden.

Das Gros der Obdachlosen in der Gasstraße ist zwischen 35 und 45 Jahren alt und entstammt allen sozialen Schichten. Die große Mehrheit sind Männer. Die ZBS hält aber auch einen Gemeinschaftsbereich nur für Frauen bereit: „Sie sind auf der Straße in der Regel besonders stark von Gewalt bedroht“, sagt Melanie Popp.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen