Landgericht Kiel : Tragödie um Schüsse am Silvestertag in Wahlstedt

Mit Flatterband hatte die Polizei in Wahlstedt den Bereich abgesperrt, wo am Silvestertag in den Mittagsstunden die Schüsse fielen.
Mit Flatterband hatte die Polizei in Wahlstedt den Bereich abgesperrt, wo am Silvestertag in den Mittagsstunden die Schüsse fielen.

Ein 38-Jähriger aus Wahlstedt muss sich als Täter vor dem Landgericht verantworten – und ist doch auch Opfer.

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17. Juli 2018, 08:00 Uhr

Wahlstedt/Kiel | Es war der Silvestertag 2017, als in Wahlstedt am helllichten Tag plötzlich auf offener Straße scharf geschossen wurde. Seit gestern muss sich ein Mann (38) wegen Bedrohung, Widerstands und Verstößen gegen das Waffengesetz vor dem Kieler Landgericht verantworten. Er soll damals mit einer Schreckschusswaffe auf Polizisten gezielt haben, die ihn für einen flüchtenden Einbrecher hielten. Die Einsatzkräfte ihrerseits schossen dem vermeintlichen Täter, der keiner Anweisung folgte, mehrmals ins Bein und verletzten ihn dadurch lebensgefährlich.

Doch es geht in dem Prozess nicht um Schuld und Verantwortung. Denn der Mann auf der Anklagebank ist schwer krank. Stattdessen steht die Frage im Raum, ob der Wahlstedter für längere Zeit in einer Klinik untergebracht werden muss. Eine psychiatrische Sachverständige, die den Angeklagten vor und während des Verfahrens begutachtet, geht von einer Schuldunfähigkeit aus. Offenbar leidet der Mann unter einer Psychose mit akuter Schizophrenie, wurde bereits mehrmals auffällig, war immer wieder in Behandlung.

Was in den grauen verregneten Mittagsstunden in der kleinen Stadt bei Bad Segeberg geschah, nimmt auch ein halbes Jahr später vor Gericht noch die Beteiligten sichtlich mit.

Der Angeklagte

Der groß gewachsene Mann schaut sich schüchtern um, als er mit Begleitern aus der psychiatrischen Klinik in den Gerichtssaal kommt und neben seinem Anwalt Platz nimmt. Nervös spielt er mit den Händen, als der Richter ihn anspricht. Ihm ist nicht klar, worum es im Prozess wirklich geht, bekennt er auf Nachfrage. Was eine Psychose ist, weiß er nicht genau. „Ich nehme nur Medikamente gegen Depressionen“, sagt er. Geduldig beantwortet er Fragen zu seinem Leben und dem verhängnisvollen Tag. Er berichtet, wie er als Gymnasiast irgendwann trotz guter Leistungen die Lust an der Schule verlor, wie er sich immer mehr zu Hause bei Mutter und Stiefvater zurückzog, die ihn stets versorgten.

Fremden ging er meist aus dem Weg. Ohne Schul- und Berufsausbildung wurde sein Tag offenbar von der Krankheit bestimmt. „Rauchen, fernsehen, Spazieren gehen“ – das war sein Leben. „Das war ganz gut so. Zu Hause geht es mir gut. Nicht in der Klinik mit Gittern und Kameras“, sagt er.

Aber auch daheim scheint es dubiose Ängste gegeben zu haben. So trug der Mann meist einen gepackten Rucksack mit Wechselwäsche und rund 900 Euro Bargeld bei sich – „falls man mal weg muss“. Auch am Silvestertag hatte er den Rucksack dabei, als eine Anwohnerin ihn im Garten seines Elternhauses entdeckte und für einen Einbrecher hielt. Nur diesmal war auch die Schreckschusswaffe im Rucksack.

Die Polizisten, die – zum Teil in Zivil – plötzlich vor ihm standen, hielt er seinerseits „für Einbrecher oder böse Leute, die einen verhauen wollen oder einen Doktor aus einer Anstalt“. Er sprang über einen Zaun, rannte in Panik in Richtung Wald davon. Als die ersten Warnschüsse fielen, richtete er die Schreckschusswaffe gegen seine Verfolger. „Richtige Polizisten hätten doch gesehen, dass die nicht echt ist. Ich wollte das auch noch in Ruhe besprechen und dann wieder nach Hause“, erzählt er. Mehrere Schüsse ins Bein ließen ihn zusammensacken.

Die Anwohnerin

Sie ging mit ihrem Hund im Nieselregen spazieren, als sie plötzlich eine dunkel gekleidete Gestalt mit Rucksack in einem Garten stehen sah. Als der Mann sie entdeckte, versteckte er sich hinter der Hauswand. Weil damals überall in der Gegend eingebrochen wurde, rief die Frau die Polizei. Als die Beamten kamen, zeigte sie ihnen das Haus. „Da lief er zuvor noch ganz wirr herum“, erinnert sie sich. „Das habe ich auch gesagt.“ Als in der Nähe Schüsse fielen, versteckte sie sich zitternd. „Ich war völlig fertig. Silvester war für mich erledigt“, sagt sie.

Die Polizei

Sie kamen zu viert: Zwei Beamte in Uniform, eine Zivilstreife, die damals extra für das aktuelle Einbruchskonzept eingesetzt wurde. Sie entdeckten einen Mann im Garten, sahen ihn fliehen, setzten zu dritt hinterher. Plötzlich brüllte einer „Achtung, der hat eine Waffe!“. Sie riefen „Stehenbleiben, Polizei!“, er solle die Waffe fallen lassen, versuchten es mit Pefferspray – vergeblich. „Er sagte nur ‚Haut ab!‘ Sie wollten ihn festnehmen. „Da riss er die Waffe hoch, ich sah einen grellen Feuerblitz auf mich zukommen“, sagt ein Polizist. Zwei Beamte schossen auf die Beine. Später banden sie die starke Blutung ab und riefen den Notarzt. Der vierte Kollege traf derweil im Garten die Eltern, die ihn sofort baten, die Verfolgung zu stoppen, um ihren kranken Sohn zu retten – da waren die Schüsse wohl schon gefallen

Die Mutter

Sie hat alles versucht, nachdem sich ihr einziges Kind in der Pubertät plötzlich so sehr verändert, liebgewordenen Sport aufgegeben und sich immer weiter ängstlich zurückgezogen hatte. Zuerst kämpfte sie mit ihrem Jungen um einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung – ohne Erfolg. Sie berichtet von einer „Odyssee zu Ärzten und Kliniken“, von Zwischenfällen auch mit der Polizei. Zuletzt hatten sich Mutter, Sohn und der Stiefvater das gemeinsame Leben in einer Art Wohngemeinschaft eingerichtet. Die Eltern überwachten die Medikamentengabe, strukturierten den Alltag, gaben Sicherheit. „Die Waffe war doch nur für Silvester gedacht. Er hatte doch versprochen, sie erst ab 18 Uhr zu nehmen“, sagt die Mutter. „Die Familie ist seit diesem Tag zerrissen, zerstört und kaputt.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

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