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Theater in Neumünster : Tragikomödie voller Abgründe und Tabus

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Tourneetheater Landgraf und „Les Théatres de la Ville de Luxembourg“ spielten „Requiem für einen Spion“ eindringlich und verstörend.

Neumünster | Das Gastspiel „Requiem für einen Spion“ von George Tabori (1914-2007), präsentiert vom Tourneetheater Landgraf in Zusammenarbeit mit „Les Théatres de la Ville de Luxembourg“, war zwar nur kurz, hatte es aber in sich und forderte die Schauspieler und die 250 Zuschauer gleichermaßen.

Die Inszenierung von Johannes Zametzer fand den speziellen Tabori-Ton, traute sich forsch und drastisch an Tabus heran, ließ den Protagonisten aber auch Raum für sensible, stille, anrührende Momente. „Requiem für einen Spion“ (Uraufführung Wien 1993) war am Mittwochabend ein Psycho-Spiel um Lüge, Wahrheit und Verrat, verpackt in sehr ernste, verstörende Passagen, aber auch in pointierte Witze, Albernheiten, Zoten und andere (schwer zu konsumierende) Zumutungen. Alle diese theatralischen Mittel gingen fließend ineinander über, nichts war wirklich greifbar. Also ein echter Tabori, der Fragen stellt und keine Antworten gibt. Die Leistungen der Darsteller wurden gebührend beklatscht.

Auf der Bühne eine triste Tiefgarage (früher die Londoner „Zentrale“), ein ramponiertes Auto und drei körperlich und seelisch ramponierte Menschen, alle ehemalige Geheimdienstler: der britische Führungsoffizier Major Brian Murdoch, der emigrierte deutsch-ungarische Jude Heinrich Zucker, der seine Memoiren schreiben möchte und dazu die Erinnerungen der anderen benötigt, und Maggie, die Geliebte beider Männer, die immer noch gerne wissen möchte, wer sie verpfiffen hat.

Und schon ist man mittendrin in der Theaterwelt (oder vielleicht sogar in der ganz realen Welt?) des Autors, Schauspielers, Regisseurs und „Spielmachers“ George Tabori, der zum „Chronisten“ des vergangenen Jahrhunderts wurde und selbst ein Wanderer zwischen den Welten war: Budapest – London – Naher Osten – Hollywood – und ab 1971 wieder Europa mit großen Erfolgen in Wien und ab 1999 bis zu seinem Tode in Berlin. Taboris „lebenslängliche“ Themen in mehr als 30 Stücken sind die unfassbaren Verbrechen an den Juden, die Qualen der Opfer und die Scham der traumatisierten Überlebenden.

Im Theater brach er Tabus; er erzählte Nicht-Erzählbares und stellte Nicht-Darstellbares dar und fand zu seiner speziellen Balance zwischen Weinen und Lachen, zwischen beklemmendem Grauen und befreiender Komik. Auch „Requiem für einen Spion“ ist eine „schwarze Komödie“, und die Aufführung gab eine gute Ahnung davon, was Tabori bezweckt. In drei kurzen Akten und gut einer Stunde wurden viele Aspekte des (jedes) menschlichen Lebens und dessen Abgründe angerissen: religiöse Zugehörigkeit, „Sexualität als tragikomische Obsessionen“ (S. Löffler), posttraumatische Störungen jeglicher Art, paranoides Verhalten, die Mühsal körperlichen und geistigen Verfalls und das Sterben – das Sterben des Heinrich Zucker.

Luc Feit fand für diesen kaputten, selbstmordgefährdeten Typen so viele Nuancen, dass er einem menschlich nahe kam und mit seinem ganz unaufdringlichen Sterben berührte. Steve Karier verkörperte den emotional verrohten, mit allen Geheimdienst-Wassern gewaschener Brian Murdoch total überzeugend. Sehr präsent, gelassen und mit gekonntem Sprachfehler gestaltete Josiane Peiffer die Rolle der Maggie. Im „Requiem“ werden oft Zitate benutzt - vor allem aus Goethes „Faust“. Vielleicht ging auch manchem Theaterbesucher nach der Aufführung ein Zitat durch den Kopf: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Tabori wäre mit dieser Reaktion zufrieden – mancher Zuschauer vielleicht nicht.  







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