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Das Urteil : Totschlagsprozess mit Massenschlägerei und Freispruch

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Im Gerichtssaal flammten die Krawalle wieder auf.

Neumünster | Acht Monate später, im Mai 1996, flammten die Krawalle wieder auf. Diesmal wurde das Kieler Landgericht zum Schauplatz einer Massenschlägerei. Dort musste sich der Schütze Selim M. wegen Totschlags vor einer Jugendstrafkammer verantworten.

Von Anfang an war die erneute Begegnung der verfeindeten Parteien emotional aufgeladen. Zahlreiche Kurden und Türken sowie ein großes Medienaufgebot aus dem In- und Ausland verfolgten bereits am ersten Prozesstag die Verhandlung. Doch alles blieb ruhig. Die Anklage wurde verlesen, Zeugen vernommen.

Am dritten Tag entlud sich schließlich die explosive Stimmung. Es geschah in einer kurzen Verhandlungspause: Die beiden Polizisten und drei Justizvollzugsbeamte, die vor Ort waren, hatten keine Chance, als vor dem Saal plötzlich 50 meist junge Kurden und Türken mit Fäusten und Möbelstücken aufeinander losgingen. Das Gericht wurde sofort abgeriegelt. Noch bevor zehn weitere Polizeibeamte mit Hunden als Verstärkung eintrafen, konnte sich ein Großteil der türkischen Besucher im Saal verbarrikadieren. Mehrere Verletzte wurden von Prozessbeteiligten im Richterzimmer versorgt. Ein bewusstloser Mann kam ins Krankenhaus. Flur und Saal boten nach der Schlägerei ein Bild der Verwüstung. Überall lagen zerbrochene Möbelstücke; Blutspritzer und Haarbüschel waren auf dem Fußboden verteilt. Was den Tumult ausgelöst hatte, blieb unklar. Richter Jochen Strebos schloss für den Rest des Prozesses die Öffentlichkeit aus. Lediglich Medienvertreter wurden noch eingelassen.

Nach 60 Zeugenaussagen wurde am 14. Juni das Urteil gefällt: Freispruch – wenn auch mit Zweifeln beim Gericht. Die Kammer wertete die Todesschüsse als Notwehr. Ganz so unpolitisch wie für die Polizei stellte sich die Auseinandersetzung für das Gericht nicht dar: „Ohne das türkisch-kurdische Problem wäre die Tat nicht geschehen“, hieß es.

Wegen unerlaubten Waffenbesitzes wurde Selim M. zu 21 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Nach neun Monaten Untersuchungshaft kam er auf freien Fuß. Erneut war die Polizei in Alarmbereitschaft – doch alles blieb ruhig.

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erstellt am 03.Sep.2015 | 12:00 Uhr

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