Theater in der Stadthalle Neumünster : Tosender Applaus für „König Lear“

Andreas Erfurth als König Lear.
Andreas Erfurth als König Lear.

Neues Globe Theater konnte überzeugen

shz.de von
25. November 2017, 12:00 Uhr

Neumünster | Man betritt den Zuschauerraum und weiß sofort: Die Komödianten sind da! Kostümierte Darsteller preisen ein sehr gelungenes Programmheft an und machen neugierig auf William Shakespeares großes Alterswerk „König Lear“. Dann legen sie die Eingangsszene hin, in der ein alter König sein Reich seinen drei Töchtern vererben will, wenn sie ihm ihre Liebe beweisen können. Dieses Ansinnen führt in unabsehbare menschliche und tödliche Katastrophen.

Dass „König Lear“ ein „Spiel“ ist, das wird durch den Blick auf die Bühne klar: ein großes Podest für die zentralen Szenen und meterlange Kleiderständer, auf denen alle Kostüme, die die Darsteller für ihre zahlreichen Verwandlungen benötigen, bereit hängen.

Die Darsteller gehören zur Schauspieltruppe, die sich „Neues Globe Theater“ nennt, gegründet 2015 von Mitgliedern der Truppe „Shakespeare & Partner“, die auch in Neumünster etliche Male ihre Shakespeare-Auffassung präsentierte. Die neue Formation stellte sich bereits 2016 mit einer gelungenen „Hamlet“-Inszenierung vor und wagte sich jetzt an Shakespeares elementarste Deutung der menschlichen Existenz, an „einen Achttausender ohne Sauerstoff“ (Jürgen Flimm).

Shakespeare zeichnete 1604 bis 1606 das hoffnungslose Bild einer Welt, in der Gewalt und Habgier regieren, in der Generationen und Geschwister in Fehde liegen, in der die „Blinden“ von den „Tollen“ geführt werden. „König Lear“ war und ist ein „Endspiel“ voll erschreckender Gültigkeit, in dessen komplexer Thematik jede Zeit ihre aktuellen Anknüpfungspunkte finden kann, ohne das Stück noch zusätzlich aktualisieren zu müssen.

Regisseur Kai Frederic Schricker und Übersetzer Rolf Schneider taten es dennoch, was dem sehr gut gesprochenen Text gut bekam. Auf der Szene aber gerieten manche durchaus akzeptablen kreatürlichen Sprüche und Handlungen ins Unappetitlich-Obszöne und Alberne – allerdings immer überzeugend, oft auch witzig gespielt. Schrickel präsentierte ein „Spiel“, das eine Atmosphäre, wie sie zu Shakespeares Zeiten im Theater geherrscht haben mag, simulierte. Dazu gehörte auch, dass die 260 Zuschauer im hellen Licht saßen und auch alle die weiblichen Rollen mit Männern besetzt waren. Und die Herren spielten die Damen ganz hervorragend!

Im Zentrum der dreistündigen Aufführung stehen zwei Väter, zwei alte Männer, die durch Selbsttäuschung und Intrigen, durch tiefen Fall und großes Leid zum wahren Menschsein finden. Der alte Lear geht nicht an der Hartherzigkeit seiner Töchter Goneril und Regan (überzeugend, machtbesessen und kaltherzig spielten Sebastian Zumpe und Sebastian Bischoff) zugrunde, sondern daran, dass das Bild, das er sich von der Welt und den Menschen macht, nicht der Realität entspricht. Er will die Liebe seiner Töchter erkaufen – eine Rechnung, die nicht aufgehen kann, die ihn in den Irrsinn treibt.

Sehr greifbar, fast normal gestaltete Andreas Erfurth den König, den enttäuschten Vater, den sich selbst Betrügenden, den Wahnsinnigen und den Menschen Lear. Nicht weniger eindringlich gestaltete Saro Emirze den Grafen Gloster, der erst „geblendet“ werden muss, um die Liebe seinen Sohn Edgar (intensiv, Alexander Jaschik) „erkennen“ zu können.

Hinter dieser Teufelei steckt Glosters zynischer und brutaler Bastard Edmund, von Till Arthur Priebe überzeugend geschmeidig gespielt.

Als treuer Graf von Kent nahm Dierk Prawdzik eine wichtige Rolle ein, und der Narr (Kilian Löttker; er war auch die herbe Tochter Cordelia) spielte seine Rolle durchaus lustvoll.

Die Nebenrollen rundeten den positiven Eindruck ab, und alle Komödianten hatten sich den starken Applaus verdient.

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