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Vor 20 Jahren : Todesschüsse: Als der Kurden-Konflikt in die Stadt kam

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Heute vor 20 Jahren wurde der Kurde Seyfetin Kalan (28) auf dem Großflecken vor dem Kochlöffel von einem jungen Türken erschossen.

Neumünster | Die Schüsse fielen um 19.40 Uhr. Heute vor genau 20 Jahren starb der Kurde Seyfetin Kalan (28) vor dem Schnellrestaurant Kochlöffel am Großflecken an seinen schweren Verletzungen. Der Täter, der junge Türke Selim M. (19), stellte sich wenig später der Polizei. Mit diesen tödlichen Schüssen begannen für Neumünster mehrere Wochen im Ausnahmezustand.

Auch wenn die Ermittlungen der Polizei schnell ein anderes Bild ergaben, wurde die Tat sofort zum Politikum im weltweiten Konflikt zwischen Kurden und Türken. Neumünster wurde nicht nur   Ziel aller großen Medien, sondern auch Schauplatz für Mahnwachen und eine Großdemonstration.

Der 3. September 1995 war auf dem Großflecken bis dahin ein normaler, ruhiger Sonntagabend. Die Straßen waren kaum belebt. Gegen 19.30 Uhr fuhren zwei Autos fast gleichzeitig am Kochlöffel-Grill vor. In einem saßen drei Türken, im anderen drei (türkische) Kurden. Nachdem beide Gruppen ausgestiegen waren, folgte ein kurzes Wortgefecht. Passanten hörten Sätze wie „Was willst du denn?“ und sahen ein Gerangel und Ohrfeigen. „Fest steht, dass ein Kurde mit einem Beil bewaffnet war“, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft wenige Tage nach der Tat auf einer Pressekonferenz erste Ergebnisse mit.

In dem Streit fielen die tödlichen Schüsse. „Er feuerte das ganze Magazin leer“, erzählten Zeugen. Auch Knüppel und Messer wurden gezogen. Die traurige Bilanz nach dem blutigen Kampf: ein Toter und drei zum Teil schwer Verletzte. Vor dem Kochlöffel bot sich ein chaotisches Bild: Auf dem Boden fanden die Ermittler viel Blut, aber auch Holzlatten, Stöcke, Patronenhülsen und Projektile. Die Möbel des Restaurants lagen überall verstreut.

Wenig später tauchte Selim M. auf dem 1. Polizeirevier an der Parkstraße auf. Ein Beamter erinnerte sich: „Er hat die Waffe auf den Tisch gelegt und gesagt: ‚Ich habe auf dem Großflecken jemanden erschossen und mehrere angeschossen!‘“ Der schmächtige junge Mann habe geschockt gewirkt. Selim M. wurde sofort festgenommen.

Ein Volk ohne Staat: Der Konflikt dauert an

Die Kurden sehen sich als Volk ohne Nationalstaat. Als Minderheit leben sie in der Türkei, im Iran, Irak und Syrien. Konflikte zwischen Kurden und Türken  reichen  bis ins   Mittelalter. Ab 1991 gab es schwere Kämpfe zwischen der türkischen Armee und der Guerillaorganisation PKK. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen  griffen sich beide Gruppen auch in Deutschland  an.

Heute wird die Zahl der hier  lebenden Kurden  auf rund  800000 geschätzt. 2013 hat  der damalige türkische Premierminister und heutige Präsident  Erdogan  den Kurden  kulturelle Rechte eingeräumt.  Vor dem Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzungen mit dem „Islamischen Staat“ (IS) in Syrien und Irak ist der Konflikt zwischen  dem türkischen Staat und der PKK jedoch     erneut eskaliert.  Beide Seiten erklärten den  Friedensprozess für beendet. Im Westen hat der gemeinsame Kampf  mit den Kurden gegen den IS hingegen  zu  einem Image-Wandel  beigetragen: Die Kurden gelten in dieser Sache mittlerweile als willkommener Allianz-Partner.  

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erstellt am 03.Sep.2015 | 12:00 Uhr

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