Budget für Arbeit : Tischlern klappt auch ohne Worte

Volker Petersen (von rechts) zeigt Stadtrat Carsten Hillgruber, Toren Munz, Bernd Sandfort, Robert Voss und Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras sein Können im Tischlerei-Betrieb.
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Volker Petersen (von rechts) zeigt Stadtrat Carsten Hillgruber, Toren Munz, Bernd Sandfort, Robert Voss und Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras sein Können im Tischlerei-Betrieb.

Nur ein Neumünsteraner Betrieb hat sich am Landes-Modellprojekt „Budget für Arbeit“ beteiligt. Weitere Unternehmer werden gesucht.

shz.de von
18. Januar 2018, 08:30 Uhr

Neumünster | Konzentriert schneidet Volker Petersen Platten für Küchenschränke mit einer großen Maschine zu. Hören kann der 51-jährige Tischler nur ganz schwer. Kommuniziert wird über Lippen lesen, Zettel schreiben oder mit Händen und Füßen. „Das klappt super, Herr Petersen ist ein vollwertiges Mitglied unseres Teams geworden“, sagt sein Chef Robert Voss von der Tischlerei in Einfeld. Voss ist der erste Arbeitgeber in Neumünster, der einen Menschen mit Behinderung im Rahmen des Modellprojektes „Budget für Arbeit Schleswig-Holstein“ eingestellt hat.

Initiiert wurde das Projekt 2016 vom Sozialministerium Schleswig-Holstein. Die Stadt, der Integrationsfachdienst der Brücke Neumünster und das Lebenshilfewerk arbeiten vor Ort Hand in Hand, um Menschen mit Behinderungen den Weg in den ersten Arbeitsmarkt zu ebnen. „Vor Projektstart hatten unsere Klienten wenig Möglichkeiten, eine feste Stelle außerhalb unserer Werkstätten zu bekommen“, erklärt Sylvia Kreutzmann von der Lebenshilfe. Dafür gab es zwei Gründe: Die potenziellen Angestellten hatten zu viel Angst davor, beim Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt nicht wieder zurückkehren zu können in die Werkstätten, wenn sie in dem Betrieb nicht zurecht kommen. Aber auch die Arbeitgeber sträubten sich, Behinderte überhaupt in einem festen Anstellungsverhältnis einzustellen. Mögliche Zusatzkosten für Arbeitsausrüstung oder die Gefahr, diese Mitarbeiter nicht voll einsetzen zu können, waren die Haupthinderungsgründe.

Das sollte sich mit dem „Budget für Arbeit“ ändern. Die Angestellten haben ein Rückkehrrecht in die Werkstätten und die Unternehmer bekommen einen Zuschuss von 70 Prozent des Bruttolohns für ihren Angestellten. Bezahlt wird das vom Integrationsamt des Landes (50 Prozent) und der Eingliederungshilfe der Stadt (20 Prozent). „Die Stadt muss dafür nicht mehr den Platz in der Behindertenwerkstatt bezahlen“, sagt Sylvia Kreutzmann. Darüber hinaus werden Arbeitsmittel, ein Dolmetscher oder psychosoziale Beratung ebenfalls über das Budget gefördert. „Zu Betriebsfeiern und für das Mitarbeitergespräch benötigen wir einen Dolmetscher“, so Robert Voss. Umbauten in seiner Tischlerei waren für die Einstellung nicht nötig. Seit November 2016 arbeitet der Tischler bei Voss. „Die Akzeptanz im Betrieb ist das A und O“, sagt Bernd Sandfort, Geschäftsführer der Lebenshilfe.

Landesweit konnten über das Projekt rund 50 Menschen mit Behinderung in ein Anstellungsverhältnis gebracht werden. In Neumünster ist Volker Petersen der einzige. Es hapere am Angebot. „Das ist sehr schade“, sagt Toren Munz vom Integrationsfachdienst. Bislang gehe das Angebot der Arbeitgeber nicht über Praktikumsplätze oder Außenarbeitsplätze hinaus – das bedeutet, der Angestellte bleibt an der Werkstatt angestellt, arbeitet aber im Unternehmen. „Auch wir waren uns zu Beginn nicht sicher, ob es mit Herrn Petersen klappt, aber wir sind offen für Neues“, erklärt Robert Voss. „Wir hoffen auf weitere Betriebe“, so Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras. Das Modellprojekt läuft offiziell bis Jahresende. Allerdings gibt es seit Januar eine gesetzliche Verankerung des Budgets für Arbeit im Bundesteilhabegesetz. Es schreibt eine Förderung von bis zu 75 Prozent des Bruttolohns fest, gedeckelt auf maximal 1218 Euro. „Arbeitgeber, die das Budget für Arbeit wahrnehmen möchten, bekommen ab sofort die Förderung nach dem Bundesteilhabegesetz“, sagt Susanne Fricke, Abteilungsleiterin der Eingliederungshilfe. Firmen, die behinderten Menschen so einen Arbeitsplatz offerieren wollen, können sich beim Integrationsfachdienst oder der Eingliederungshilfe melden.

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