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Bordesholm : Tine Wittler sagt: „Schönheit ist niemals objektiv“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Tine Wittler stellte im Bordesholmer Savoy ihre Dokumentation und ihr Buch „Wer schön sein will, muss reisen“ vor.

Bordesholm | In China wurden Mädchen die Füße deformiert, die westlichen Staaten bevorzugen eine schlanke Figur, und in Mauretanien gelten dicke Frauen als begehrenswert – der Frage, was Schönheit eigentlich ausmacht, widmet sich Tine Wittler (41) in ihrem beeindruckenden Dokumtarfilm „Wer schön sein will, muss reisen“, den sie persönlich am Donnerstag im Bordesholmer Savoy-Kino vorgestellt hat.

Mit freundlicher Ungezwungenheit begrüßte die insbesondere als Fernsehmoderatorin von „Einsatz in vier Wänden“ bekannte Christine Wittler die etwa 50 Kinobesucher und stellte sich im Anschluss des Films für Fragen und Autogramme zur Verfügung. Nele Scherf aus Wattenbek ist ein Fan der umtriebigen Hamburgerin, die bereits mehrere Bücher veröffentlicht hat: „Es ist ein Highlight, dass sie hier ist. Und der Film ist klasse.“ Auch Annette Mischke vom Vorstand des Savoykinos war glücklich über den Besuch: „Der Film und ihre persönliche Anwesenheit sind eine echte Bereicherung.“

2011 ist Tine Wittler mit ihrem Team in das Flugzeug gestiegen, das sie an die Westküste Afrikas nach Mauretanien gebracht hat. Damit beginnt auch die Dokumentation der sechswöchigen Reise in einem von Dürre und Armut geprägten Land, in dem Dicksein das erstrebenswerte Ideal für Frauen bedeutet, da ein großer Leib Wohlstand und Fruchtbarkeit ausstrahlt. Die studierte Kulturwissenschaftlerin Tine Wittler formuliert die Ausgangsfrage des Vorhabens so: „Kann ich Vergnügen an meinem Körper finden, obwohl er nicht so ist, wie andere ihn wollen?“ Für Mauretanien entschied sich Tine Wittler, weil in der ehemaligen französischen Kolonie die „gavage“, die Zwangsfütterung junger Mädchen, vorgenommen wird. Was zunächst diffus nach unangenehmer Prozedur klingt, entfaltet seinen ganzen Schrecken, wenn Tine Wittler sich selbst diesem Ritual unterzieht: In Großaufnahme zeigt die Kamera, wie die Blondine eine große Holzschüssel an den Mund setzt, und daraus Liter um Liter Kamelmilch saugt. Zehn sind die Regel, aber nach sechseinhalb gibt Tine Wittler auf, trotz der traditionellen Fußquetschungen, die eine Einheimische ihr gegen Brechreiz und Erlahmung zufügt. „Das hat mich an meine Grenze gebracht. Es ist Folter“, stellt Tine Wittler fest.

Da die Zwangsmästung im Alter von sechs Jahren beginnt und über Wochen vollzogen wird, sterben viele Kinder daran. Das sehr teure Unterfangen kann sich kaum ein Mauretanier leisten, und deshalb greifen auch dort junge Frauen zu Pillen – gesundheitsgefährdende Viehmastpillen allerdings.

Der Film ist nicht nur interessant durch die Aufklärung über andere Lebensentwürfe, sondern lebt stark von den Persönlichkeiten im Film, die ihre Gefühle auch vor der Kamera preis geben.

Die Filmemacherin wünscht sich, dass ihr Film zu einem selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper führt: „Mein Körper gehört mir, ich darf ihn so gestalten, wie ich will. Denn Schönheit ist niemals objektiv, da sie von Zeiten und Kulturen abhängig ist. Für mich ist ein Mensch schön, der offen und tolerant ist und auf Reisen geht: im Kopf.“



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