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„Terror“ : Theaterbesucher sprechen den angeklagten Piloten schuldig

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Theater-Gerichtsverhandlung wurde zur juristischen Lehrstunde, in der ein fiktiver, aber durchaus denkbarer Fall verhandelt wurde.

Neumünster | Seit dem 17. Oktober 2016 ist „Terror“ (lateinisch: Schrecken) mehr als nur ein furchterregendes Wort. An diesem Tag wurde die TV-Inszenierung des ersten Theaterstücks von Ferdinand von Schirach (angesehener Strafverteidiger und erfolgreicher Schriftsteller) ausgestrahlt, wurden die Zuschauer zu Schöffen ernannt und gebeten, am Ende der Gerichtsverhandlung ein Urteil abzugeben. Die TV-Zuschauer machten davon reichlich Gebrauch, ebenso die Theaterbesucher, die seit der Uraufführung im Oktober 2015 und vielen weiteren Inszenierungen Gelegenheit hatten, eines der besten, aktuellsten und wichtigsten Stücke der Gegenwart kennenzulernen. Das Gastspiel des „Euro-Studios Landgraf“ zog jetzt auch das Neumünsteraner Publikum (über 500 Besucher, darunter viele Jugendliche) mit „Terror“ in seinen Bann.

Schauplatz des Stückes ist ein schlichter Gerichtssaal. Angeklagt ist Lars Koch, Kampfpilot der Bundesluftwaffe. Er hat ein entführtes Passagierflugzeug mit 164 Menschen an Bord abgeschossen, um zu verhindern, dass es in ein mit 70 000 Menschen besetztes Fußballstadion stürzt. Hatte er den Befehl dazu? Nein! Hat er eigenmächtig entschieden? Ja! Hat er nach Recht und Gesetz gehandelt! Nein! Hat er nach seinem Gewissen gehandelt? Ja! Durfte er das „kleinere Übel“ wählen? Ja –Nein! Hat er den ersten Artikel des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen (das heißt jedes Menschen) ist unantastbar“ ignoriert? Ja! Darf ein Menschenleben gegen ein anderes aufgerechnet werden? Nein! Lars Koch steckt in einem tragischen Dilemma; er hat in jedem Fall Schuld auf sich laden. Mit welchen Konsequenzen, mit welchem Strafmaß ist nicht Gegenstand der Verhandlung.

Die Theater-Gerichtsverhandlung wurde zur juristischen Lehrstunde, in der ein komplizierter, fiktiver, aber durchaus denkbarer Fall verhandelt wurde. Von Schirach „übersetzte“ den „Fall“ des Lars Koch aus einem trockenen Juristendeutsch in eine flüssige, mitreißende, hochintelligente Theatersprache. Die Inszenierung schaffte es, die Spannung von Szene zu Szene zu erhören und das Publikum in den Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit zu versetzen. Die so richtige, unaufdringliche Regie (Thomas Goritzki), die hervorragenden, rollengerecht agierenden Interpreten traten im Verlauf der Handlung fast ganz hinter die Sprache und die in sich absolut logische Argumentation zurück. Während der Aufführung wurde der Eindruck immer stärker, dass man in einer realen Gerichtsverhandlung sitzt.

Erst nach knapp zwei Stunden löste sich die Spannung, nachdem alle Argumente – verteilt auf den Vorsitzenden (Johannes Brandrup), den Angeklagten (Christian Meyer), die Staatsanwältin (Annett Kruschke), den Verteidiger (Christoph Schlemmer) und die Zeugen (Peter Donath; Tina Rottensteiner) – ausgetauscht waren. Nun kam das Publikum zum Zuge. Es wurde in die Pause geschickt und gebeten, beim Zurückkommen entweder durch das Tor für „schuldig“ oder das für „unschuldig“ zu gehen. Wie in nahezu allen Aufführungen stimmte auch in Neumünster ein Drittel der „Schöffen“ für „schuldig“ und zwei Drittel für „unschuldig“, und der Vorsitzende hielt seine Schlussrede.

Hätte das Votum „schuldig“ gelautet, hätte er eine Rede für „schuldig“ gehalten, denn von Schirach hat auch für diesen Fall einen Text bereit. In der Buchausgabe sind beide Reden enthalten, und man könnte sich gut vorstellen, dass beide Reden am Ende einer Aufführung gesprochen werden, und das Publikum, dann mit allen Argumenten versehen, nach Hause geht und sich sicher noch weiter mit dem komplexen Thema auseinandersetzen wird.

„Terror“ wird in jedem Fall noch lange nachwirken, und es ist großartig, dass ein juristischer Text und eine ausgefeilte Inszenierung das bewirken können. „Terror“ – ein ganz besonders gelungener Theaterabend!


 

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