"Die Vermessung der Welt" : Theaterabend mit schnellen Wechseln zwischen Ernst und Scherz

Altonaer Theater mit Bühnenfassung des Romans von Daniel Kehlmann zu Gast in der Stadthalle.

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18. Februar 2013, 09:28 Uhr

Neumünster | 2005 sorgte in der Literaturwelt ein Roman für Aufsehen, in dem zwei Genies mit ihrer ganzen Leidenschaft, Besessenheit und ihren persönlichen Besonderheiten zu Hauptfiguren wurden. Der eine war der bodenständige Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß (1777 bis 1855) aus Braunschweig, der andere der umtriebige Naturforscher Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) aus Berlin, die beide, jeder auf seine Art, die Welt "vermessen" haben. Mit "Die Vermessung der Welt" gelang Daniel Kehlmann (geb. 1975) ein großer Coup, der in 40 Sprachen übersetzt wurde und seit der Uraufführung am 26. September 2008 auch die Bühnen erobert.

Das Altonaer Theater gastierte mit der Bühnenfassung von Dirk Engler, in der Inszenierung von Christian Nickel im Theater in der Stadthalle und fast 500 Besucher lernten durch historische Fakten und kehlmannsche Fiktionen die Welt der Genies Gauß und Humboldt kennen.

Sie erlebten einen Theaterabend mit schnellen Wechseln zwischen Ernst und Scherz, zwischen Improvisation und "durchkomponierten" Szenen, zwischen Banalitäten und philosophischen Reflexionen. Leibhaftig standen sich Gauß und Humboldt zum ersten Mal 1828 bei einem Kongress in Berlin gegenüber, wussten aber viel von einander, von der Gaußschen "Osterformel" und vom Koordinatensystems zur Berechnung von Sternen- und Planetenbahnen, von Humboldts Südamerikaexpedition und seinen exakten Land- und Seekarten.

Das persönliche Treffen der (alten) Männer bildet die Rahmenhandlung, in die Episoden über Kindheit, erste Erfolge und epochale Entdeckungen eingebettet sind. Einige dieser Szenen glitten ins Kindlich-Alberne ab, amüsierten aber durch ihren Improvisationscharakter. Die Bühne bestand aus einer großen Seemannskiste und Mengen von Kartons; daraus entstanden schnell unter anderem die Studierstube des "Fürsten der Mathematik", das Wochenbett (toller Einfall!) Johannas, der Aufstieg zum Chimborazo, die Floßfahrt auf dem Orinoko (samt allerlei Getier aus der Spielzeugabteilung). Was im Roman nacheinander geschieht, konnte auf der Bühne simultan ablaufen und sorgte für Lebendigkeit. Sehr eindringlich präsentierten sich die Herren Gauß und Humboldt, erheiternd in ihrer Eitelkeit, ihrer Gier nach Anerkennung und ihrer Alltagsuntauglichkeit, menschlich mit Stärken, Schwächen, Erfolgen und Niederlagen.

Jacques Ullrich (Humboldt) und Stephan Benson (Gauß), beide in sehr gelungener Maske, waren sich ebenbürtig, ergänzten sich, spielten konzentriert die Facetten der Genies aus. Ihre Kollegen schlüpften schnell in alle weiteren erforderlichen Rollen. Marc Laade als Bonpland (Humboldts Expeditionspartner) und sein Doppelbild (Martin Brücker, der auch Gauß’ rebellischen Sohn Eugen spielte) beeindruckten sehr; Franz-Joseph Dieken zeigte Bühnenpräsenz in vielen Kostümierungen. Das weibliche Element vertrat Dilara Schroeder, die besonders als Johanna Gauß’, liebende Frau und "Schutzengel", gefiel. Viel Beifall für alle Mitwirkenden.

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