Mindestlohn : Tausende profitieren, alle zahlen mit

Vorher 6,50 Euro pro Stunde, jetzt einen Vertrag: Groß- und Außenhandelskauffrau Jessica Bahr (31) freut sich über den festen Job in der Bowlingbahn.
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Vorher 6,50 Euro pro Stunde, jetzt einen Vertrag: Groß- und Außenhandelskauffrau Jessica Bahr (31) freut sich über den festen Job in der Bowlingbahn.

Mindestlohn bereiten Unternehmen häufig Probleme / Viele werden die erhöhten Kosten auf ihre Preise umlegen

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06. Januar 2015, 06:30 Uhr

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat ausgerechnet, für wie viele Arbeitsplätze in Neumünster seit 1. Januar der neue Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde gilt: Mehr als 1900 Vollzeitbeschäftigte haben demnach bislang weniger als 8,50 Euro verdient und müssten eine Gehaltserhöhung bekommen haben – also gut acht Prozent der 23 000 Vollzeitbeschäftigten. Bei den 7105 sozialversicherten Teilzeitbeschäftigten liege der Anteil der Profiteure noch deutlich höher, so der DGB. Wie reagieren die Betriebe auf die zusätzlichen Kosten? Erhöhen sie die Preise, sparen sie Personal ein? Der Courier hörte sich in einigen Branchen um.

„Die meisten Gastwirte werden die Preise erhöhen müssen. Wer seiner Spülkraft und seinen Aushilfen bislang 6 Euro gezahlt hat und jetzt 8,50 Euro, hat natürlich enorme Kostensteigerungen. Und das muss irgendwo herkommen“, sagt Oliver Auch, Vorsitzender des Gaststättenverbands in Neumünster und Inhaber des Restaurants Loks. Vielerorts gerate auch das Gehaltsgefüge durcheinander. Auch: „Wenn die Spülkraft jetzt 8,50 Euro bekommt, ist der Mitarbeiter unzufrieden, der bislang 8,50 oder 9 Euro hatte.“ Andererseits könne die Lohnerhöhung auch zu zufriedeneren Mitarbeitern und weniger Fluktuation führen.

Das bestätigt auch Gastwirt Rainer Kuck (Kontraste). „Ich würde gern jedem Mitarbeiter einen Stundenlohn von 15 Euro überweisen, aber letztlich muss das der Kunde bezahlen“, sagt Kuck. Da auch sehr viele Lieferanten die Preise angezogen hätten, werde er um Preiserhöhungen nicht herumkommen. Der Mindestlohn sei für ihn und die ganze Branche ein großes Problem.

In das gleiche Horn stößt Kay Plathmann, Inhaber der Bowlingbahn an der Christianstraße. „Wir sind betroffen, denn wir haben etwa 15 Aushilfen. Die Personalkosten werden definitiv steigen, um mehrere 1000 Euro im Monat“, sagt er. Mit kleinen Preiserhöhungen im Bereich von 10 bis 20 Cent will er versuchen, das zu kompensieren. „Ich gönne es dem Personal. Der Mindestlohn ist eine gute Idee, aber nicht zu Ende gedacht“, sagt Plathmann. Man müsse differenzieren zwischen qualifiziertem Personal und Hilfskräften: „Das ist ungerecht gegenüber dem Personal mit Ausbildung.“ Letzteres honoriert er: Seine Service-Kraft Jessica Bahr (31), die bisher an drei Tagen für 6,50 Euro/Stunde arbeitete, hat ihre Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau beendet. Ihr bot er einen festen Vertrag an – um eine gute Kraft zu halten. Sie freut sich über den Job.

In der Spielhallen-Branche schlägt der Mindestlohn ebenfalls durch. „Wer vorher nicht zu knickrig war, hat keine gravierenden Probleme. Das ist bei uns so“, sagt Wolfgang Voß, der mit seiner Familie 20 Spielhallen betreibt. „Die Riesenprobleme kommen durch die geplante Erhöhung der Vergnügungssteuer.“ Ähnlich sieht es Mike Liebrecht („Merkur“-Spielothek): „Wir sind definitiv vom Mindestlohn betroffen, die Dimension sind mehrere tausend Euro im Monat. Da wir keine Preiserhöhungen machen dürfen, versuchen wir, die Schichten auszudünnen. Das bedeutet erhöhten Arbeitsdruck für den Einzelnen.“ Im schlimmsten Fall könnte das auch zu Kündigungen führen, sagt er.

Betroffen ist auch der Einzelhandel. „In dem Bereich der einfachen Tätigkeiten und der Aushilfen klettern die Personalkosten inklusive der Nebenkosten dadurch um rund 20 Prozent. Das kann nicht spurlos an den Preisen vorbeigehen. Jeder Händler wird das irgendwo an die Kunden weitergeben“, sagt Gerd Grümmer, Vorsitzender des Einzelhandelsverbands. Und damit bezahlten den Mindestlohn letztlich alle mit.

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