Neumünster : Strategien gegen rechte Stammtischparolen

Facebook& Co. gehen zwar inzwischen härter gegen Verleumdung und Hetze vor, dennoch sind die sozialen Medien für rechte Gruppierungen ein viel genutztes Betätigungsfeld.
Facebook& Co. gehen zwar inzwischen härter gegen Verleumdung und Hetze vor, dennoch sind die sozialen Medien für rechte Gruppierungen ein viel genutztes Betätigungsfeld.

Berater gegen Rechtsextremismus schulte Ehrenamtliche im Umgang mit rechtsextremen Äußerungen

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02. März 2018, 09:00 Uhr

Neumünster | „Die haben immer die neuesten Handys“ oder „Unsere Frauen müssen sich in Acht nehmen, wenn Asylanten oder Ausländer in der Nachbarschaft wohnen“ – es gibt viele Stammtischparolen aus der rechten Ecke, und immer häufiger müssen sich Menschen damit auseinandersetzen, wenn sie sich ehrenamtlich engagieren. Wie kann man damit umgehen, wie die pauschalen Herabwürdigungen anderer Menschen kontern? Antworten auf solche Fragen suchten am Mittwochabend rund 15 Teilnehmer eines Seminars der Ehrenamtsberatungsstelle bei der Awo.

„Den goldenen Schlüssel gibt es nicht“ : Tim Gijsemans vom Regionalen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus aus Kiel raubte den überwiegend ehrenamtlich in Flüchtlingsfragen engagierten Zuhörern eine erste Illusion und umriss das Kardinalproblem im Umgang mit rechten Stammtischparolen. „Parolen setzen einen erstmal in die Defensive, sie sind schnell rausgehauen, die Suche nach Argumenten hingegen benötigt Zeit.“ Deshalb sei es gar nicht immer sinnvoll, zu versuchen dumpfe Parolen argumentativ zu entkräften, zumal die Gegenseite immer mit der nächsten Platittüde oder vermeintlichen Tatsachenbehauptung kommen könne. Andere Strategien können sein: Gesprächsregeln aufstellen, gezielt nachfragen und Widersprüche aufdecken, Gefühle ansprechen, dritte einbeziehen, ins Detail gehen oder mit Moral argumentieren.

Wie schwierig der Kampf gegen Parolen und Pseudoargumente von rechts ist, erfuhren die Teilnehmer am eigenen Leib, als sie in einem Rollenspiel mit Parolen konfrontiert wurden und reagieren mussten. Eine Teilnehmerin: „Ich fühlte mich hilflos, hatte das Gefühl, ich kann erzählen, was ich will, es kommt nicht an.“

Wie alltäglich Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland geworden ist, verdeutlichte Gijsemans anhand einer Untersuchung. Danach stimmten im Jahr 2014 36,6 Prozent der Befragten der Aussage zu, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden, 55,4 teilten die Ansicht, sie hätten Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Gegend aufhielten.

Rechte Gruppierungen schürten die Verunsicherung gezielt, erläuterte Gijsemans. Dazu nutzten sie verstärkt soziale Netzwerke wie Facebook. Die Einflussnahme sei dabei inzwischen nicht plump, sondern zunehmend subtil und ziele darauf ab, nicht selbst zu agieren, sondern andere zum Handeln zu bewegen. „Nazis sind lernfähig“, so der Fachmann.

>Regionale Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus gibt es in Kiel, Flensburg, Itzehoe und Lübeck. Wer Opfer rechter Gewalt wurde, bekommt Hilfe bei der Opferberatung Zebra, Tel. 0431/30 14 03 79, Mail: info@zebraev.de.

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