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Gedenken an NS-Opfer : Stolpersteine gegen das Vergessen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Am Kuhberg 27 wurden sechs Gedenksteine für die jüdischen Familien Weißbaum und Hopstein gesetzt / Neun Enkel und Urenkel kamen

Neumünster | Das jüdische Totengebet „El male rachamin“ (Gott solle erbarmen) erklang ergreifend inmitten des Berufsverkehrs und erinnerte an das Schicksal jüdischer Neumünsteraner in der Zeit der Nazi-Gräuel: Gestern wurden am Kuhberg 27 feierlich sechs Stolpersteine für die jüdischen Familien Weißbaum und Hopstedt gesetzt, die dort bis 1933 gelebt hatten. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte die Gedenksteine; für diesen besonderen Anlass waren neun Familienmitglieder aus Israel angereist.

„Sie gingen im Park spazieren, die Kinder gingen in die Schule“ – Edith Margalit-Hecht (65) erinnerte vor Ort an den Lebensweg ihrer Großeltern Gustav Weißbaum und seiner Frau Edith, geborene Hopstein, die mit Ediths Schwester Anita Hella Hopstein in Neumünster lebten. Sie wurden in Polen geboren, lebten von 1922 bis 1933 in Neumünster, betrieben ein Geschäft für Strickwaren an der Kieler Straße 8 („Masch-Strickerei).

Diesen dreien und den Kindern von Gustav und Edith – Helmine Chaja, Irmgard und Dan Bernadus – sind die Steine gewidmet. Edith Margalit-Hecht ist die Tochter von Helmine. Sie, ihre Tochter Shahaf (35), Ediths Schwester Tamar Zehav-Gilon (49), deren Sohn Nir (12), Dan Weißbaum erster Sohn Micha (51), dessen Töchter Inbar (19) und Netta (9), Dan Weißbaums zweiter Sohn Ethan (46) mit Tochter Einav (12) waren aus Israel angereist. Die Steine tragen Namen und Lebensdaten. Sinn ist, sich an die Menschen zu erinnern: Wer die Inschriften liest, beugt automatisch das Haupt. In Neumünster gibt es jetzt 34 Stolpersteine.

Ergriffen lauschten Familie, Gäste und Passanten Ediths Erzählung. Sie schilderte, wie ihre Großeltern in die Niederlande auswanderten, dort ihre Firma wieder aufbauten. Nachdem die Nazis 1940 auch das Nachbarland überrannten, organisierten Gustav, Edith und Anita Einzelverstecke für sich und die drei Kinder. Doch Gustav und Edith wurden 1944 denunziert und im KZ Auschwitz ermordet. Danach kümmerte sich Anita Hella Hopstein um ihre Neffen; Dan, damals neun Jahre alt, musste allerdings erst in seinem Versteck gesucht werden.

Er ist heute 80 Jahre alt und konnte nicht nach Deutschland kommen, erklärte Deborah Tal-Rüttger von der Union Progressiver Juden aus Kassel, die seit 40 Jahren eine gute Freundin von Edith ist und dolmetschte. Während des Rückblicks auf die dramatische Familiengeschichte platzierte Künstler Gunter Demnig die Steine in eine Lücke im Gehwegpflaster, verschlemmte sie und putzte sie blank.

Davor hatte Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras die Familie und Gäste im Alten Ratssaal empfangen. „Wir wollen als Stadt damit ein Zeichen setzen gegen das Vergessen dieses wohl dunkelsten Kapitels unserer deutschen Geschichte“, sagte Tauras. Dies solle an die Menschen erinnern, die unter dem NS-Regime zu leiden hatten und ihr Leben verloren, aber auch ein Zeichen setzen gegen jegliche rechtsradikalen und nationalsozialistischen Tendenzen in der gegenwärtigen Gesellschaft.

Walter Blender, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bad Segeberg, lobte die Aktion: „Ein Stein als Denkmal wird zum Mahner, Rufer, Ankläger. Die Steine mit ihren persönlichen Daten dienen besser der persönlichen Erinnerung als monumentale Denkmäler.“

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