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Holsteinischer Courier

17. Dezember 2017 | 17:00 Uhr

Wankendorf : Stern über dem Alten Bahnhof

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Kind schaut mich ernsthaft an. Es versteht nicht meine Worte. Aber vielleicht meine Gesten, und dass ich mich freue, es hier zu haben.

von
erstellt am 23.Dez.2015 | 16:26 Uhr

Wankendorf | Traute Leschke war unter anderem 34 Jahre in der Gemeindevertretung in Wankendorf aktiv und ist seit 48 Jahren DRK-Vorsitzende in der Gemeinde. Heute erzählt die 78-Jährige ihre ganz persönliche Weihnachtsgeschichte:

Seit etlichen Jahren bin ich die Schlüsseltante für das Heimatmuseum Wankendorf im Alten Bahnhof. Dort treffen wir uns an jedem Donnerstag von 18 bis 19 Uhr zum „Offenen Gesprächskreis Englisch“ der Volkshochschule. Wir erzählen uns die Erlebnisse der vergangenen Woche, selbstverständlich in Englisch, und schauen uns gleichzeitig die vielen Bilder an der Museumswand an, die die Veränderungen in unserem Dorf dokumentieren.

Jetzt soll es eine Veränderung im Alten Bahnhof gegeben haben. In der zweiten Gebäudehälfte soll jetzt alle 14 Tage ein Flüchtlingscafé zum Besuch einladen. Als Nachbarin muss ich doch wissen, was da in unserer Nähe enstanden ist. Ich packe drei Bücher zusammen, die die vergangenen 70 Jahre in Schleswig-Holstein beschreiben und marschiere in den Nachbareingang zum Flüchtlingscafé hinein.

Dort treffe ich auf eine bunte, total muntere Gesellschaft aus Männern, Frauen, Kindern, deutschen Betreuern und Zugereisten. Ich werde freundlich angeschaut, am Tisch der Frauen wird mir ein Platz angeboten. Mein Büchergeschenk wird von einer der Frauen gerne angenommen. Ich will mich unterhalten, in Deutsch, in Englisch. Manchmal, wenn die Verständigung nicht klappt, kommt einer der Männer als Übersetzer dazu. Es ist ein wunderbar unterhaltsamer Nachmittag für mich im Flüchtlingscafé Wankendorfer Bahnhof.

Bei meinen Besuchen an den nächsten Clubnachmittagen gehöre ich schon irgendwie zum Bestand. So lade ich meine Freunde ein, doch auch einmal das Heimatmuseum anzusehen, das Bilddarstellungen und Beschreibungen aller unserer Amtsdörfer beinhaltet. Da kommen sie, die Mutter und ihre vier Kinder, einige junge Männer, alle sehr interessiert. Die Mama setzt ihr Baby zu mir auf den Museumstisch. Ich spiele mit einem kleinen Mädchen aus Syrien, das auf gefährliche Weise mit Eltern und Geschwistern hier bei mir im Alten Bahnhof in Wankendorf gelandet ist. Tausende von Kilometern von der Heimat entfernt. Ich spiele mit dem Baby das Fingerspiel: „Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen, der sammelt sie auf, und der kleine Schelm isst sie alle, alle auf.“ Wie ich schon mit meinen Kindern, meinen Enkeln und meinem Urenkel gespielt habe. Das Kind schaut mich ernsthaft an. Es versteht nicht meine Worte. Aber vielleicht meine Gesten, und dass ich mich freue, es hier zu haben.

Für mich ist das die Weihnachtsgeschichte in Wirklichkeit nach 2000 Jahren. Mütter, Väter, Kinder auf der Flucht und endlich gerettet. Und wenn dann in der Weihnachtsnacht über dem Alten Bahnhof in Wankendorf ein leuchtender Stern aufgehen sollte, dann wundert mich das kein bisschen.

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