Neumünster : Stammesgründung am Küchentisch

Drei Generationen Pfadfinder: Henning Möbius (74), Ulrike Umlandt (40) und Annika (11).
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Drei Generationen Pfadfinder: Henning Möbius (74), Ulrike Umlandt (40) und Annika (11).

Der Verband Christlicher Pfadfinder (VCP) in Neumünster feiert am Sonnabend seinen 90. Geburtstag.

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04. Januar 2018, 08:25 Uhr

Neumünster | Es ist das enorme Gemeinschaftsgefühl, das einen ein Leben lang mit seinem Pfadfinderstamm zusammen schweißt. Da sind sich Henning Möbius, seine Tochter Ulrike Umlandt und Enkelin Annika einig. Die drei sind Mitglied im ältesten Pfadfinderstamm Neumünsters, dem Verband Christlicher Pfadfinder (VCP), der am kommenden Sonnabend seinen 90. Geburtstag feiern wird.

Angefangen hat alles an einem Küchentisch am Abend des 6. Januar 1928. Hans Hickel, der als Setzer bei der Neumünsteraner Druckerei Ihloff angestellt war, trug bei seiner Arbeit immer seine Pfadfinder-Kleidung. Die Tradition brachte er mit aus Thüringen in den hohen Norden. „Als seine Kollegen ihn darauf ansprachen, lud Hickel die sechs Männer zu sich ein und machte ihnen eine Stammesgründung schmackhaft. Eine Woche später starteten sie zu ihrer ersten Fahrt“, erzählt Möbius, der die akribisch geführte Chronik des VCP aus dem Sütterlin in lateinische Schrift übertragen hat. Einer der sechs Männer war sein Vater, der auch beim Bau der ersten Schutzhütte am Brachenfelder Gehölz mit anpackte. Erst seit 1960 ist der Stamm am heutigen Standort untergebracht, direkt an dem Bach Dosenbek.

Der Zulauf an Mitgliedern war zunächst groß. Doch mit dem Zweiten Weltkrieg brachen auch für die Pfadfinder düstere Zeiten an. 1935 wurde der Verband verboten, „man traf sich aber noch bis 1937 heimlich weiter“, berichtet Möbius. Nach dem Krieg wollte die Besatzungsmacht sicherstellen, dass die Pfadfinder kein Nazi-Verein sind. Erst 1947 durften sie sich wieder offiziell treffen.

Bis 1972 gab es eine strikte Trennung von Männern und Frauen bei den Pfadfindern. Dann wurden die beiden Stämme im Verband zusammen geschlossen. Anfang der 70er-Jahre stand der Stamm aber auch das erste Mal vor dem Aus. „Im Zuge der 68er-Bewegung wurde alles in Frage gestellt, auch die Strukturen des Stammes. Das hatte zur Folge, dass sich keiner mehr getraut hat, etwas auf die Beine zu stellen“, erklärt Möbius. Vor zehn Jahren kam dann der zweite Tiefschlag. „Immer weniger junge Menschen hatten Lust, Pfadfinder zu werden“, erinnert sich Ulrike Umlandt, die gemeinsam mit ihrer Schwester Juliane Möbius derzeit den Stamm leitet. Die Schwestern setzten sich damals für die Rettung des Stammes ein – mit Erfolg: Mittlerweile hat der VCP wieder rund 50 Mitglieder. „Uns fehlen aber weiterhin Mitstreiter, wir sind über jede helfende Hand froh“, sagt die 40-Jährige, die mittelfristig auch die Stammesleitung in jüngere Hände legen möchte. Der VCP sei offener geworden, „ auch Andersgläubigen, die bei uns mitmachen möchten, stehen die Türen offen“, so Henning Möbius. Alle drei Generationen haben ihre schönsten Pfadfinder-Erinnerungen bei den zahlreichen Ausflügen gesammelt. „Man schweißt als Gruppe zusammen, lernt Sozialverhalten und Verantwortungsgefühl, hat aber immer die Freiheit, Unternehmungen selbst bestimmen zu können“, fasst Ulrike Umlandt das Erfolgsrezept der Pfadfinder zusammen. „Und die Älteren halten sich zurück, helfen aber in alter Verbundenheit, wo Unterstützung gebraucht wird“, ergänzt ihr Vater.

Alle zusammen packen auch am Sonnabend, 6. Januar, bei der Geburtstagsfeiermit an. Los geht es zunächst für alle Stammesmitglieder um 15 Uhr mit Gruppenberichten und Neuwahlen im Gemeindesaal der Andreas-Kirchengemeinde an der Wilhelminenstraße. Um 17 Uhr folgt eine Neujahrsandacht mit Pastor Sven Warnk in der Kirche, zu der auch Ehemalige und Interessierte eingeladen sind.

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