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Holsteinischer Courier

22. Oktober 2017 | 23:39 Uhr

Theaterkritik : Spiel um Geld, Sex und Macht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

„Geschichten aus dem Wiener Wald“ erhielten Beifall.

shz.de von
erstellt am 21.Feb.2014 | 07:15 Uhr

„Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Theater in der Stadthalle, aber keine Walzerseligkeit, kein österreichisches Flair und keine „herzige G’schicht“. 1931 schrieb der deutsch-ungarische Schriftsteller Ödön von Horváth (1901-1938) das Schauspiel gleichen Namens. Mit seinen besten Werken gilt er als Chronist der Zeit. Horváth nannte etliche Werke „Volksstücke“, bürstete sie jedoch gegen den Strich, indem er eine Anti-Welt zu süßlichen Vorstadtromanzen entwarf. Im scheinbar Idyllischen entlarvte er das Unheimliche, sah das Brutale und ließ eine Ansammlung von scharf gezeichneten Individuen, jeder auf seine Art „beschädigt“, aufeinander los.

In „Geschichten aus dem Wiener Wald“ zerstören sie die junge Marianne, den einzigen echten Menschen zwischen all den Abziehbildern, in einer „zermalmenden Mühle des Spiels um Geld, Sex und Macht“ (Hensel) physisch und psychisch. Sehr gut und anrührend, wie Nina Mohr die Marianne verkörperte. Insgesamt besetzte Regisseur Christian Wittmann die Rollen überzeugend mit den Ensemblemitgliedern des Landestheaters, unterstützt von (fast zu) dezent eingesetzter Musik.

Die Darsteller verabreichten den leider nur 185 Zuschauern Wechselbäder zwischen Heurigen-Duliöh und erschreckender Rohheit, zwischen aufgedrehter Lustigkeit und großer Traurigkeit, zwischen Ordinärem und unverstandener „Kultiviertheit“. Sie kamen überwiegend gut mit Text und Sprache zurecht, und machten deutlich, dass sie fast nur in unreflektierten Phrasen und vorgefertigten Schablonen denken und sprechen.

Nahezu völlig entkitscht spielten sie die Geschichte von Marianne, die mit dem biederen, aber gefühlskalten Schlachter Oskar (introvertiert böse Simon Keel) verlobt wird, diesen verlässt, sich dem verantwortungslosen Strizzi Alfred (präzise Lorenz Baumgarten) an den Hals wirft, ein Kind bekommt, das die Großmutter (bösartig Ingeborg Losch) in der Wachau absichtlich sterben lässt, die um Geld zu verdienen als Nackttänzerin arbeitet, erst im Gefängnis und zum bösen Schluss wieder bei Oskar landet.

Einprägsam das letzte Bild: Oskar legt einen Arm um Marianne und hält in der anderen Hand ein Fleischerbeil. Karin Winkler (Valerie, die Trafikantin) und Stefan Hufschmidt (Zauberkönig) schufen beeindruckende Rollenporträts. Rittmeister (René Rollin), Reiner Schleberger (Havlitschek), Tobias Bode (Erich) und Jürgen Böhm (Mister) komplettierten das Ensemble. Die Aufführung, die etwas zäh begann, wurde dynamischer und erhielt am Ende Beifall.






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