Polizeitraining : Spezialtraining für den Ernstfall

In die große Trainingshalle können sogar Fahrzeuge hineingefahren werden. Hier zeigt Trainer Wolfhard Pommerening (rechts), wie ein gefährlicher Autofahrer aus dem Fahrzeug geholt wird. Sein Kollege Ralf Dittmer mimt den Bösewicht am Steuer.
In die große Trainingshalle können sogar Fahrzeuge hineingefahren werden. Hier zeigt Trainer Wolfhard Pommerening (rechts), wie ein gefährlicher Autofahrer aus dem Fahrzeug geholt wird. Sein Kollege Ralf Dittmer mimt den Bösewicht am Steuer.

Das neue Einsatztrainingszentrum der Neumünsteraner Polizei ist fertig / 560 Beamte proben zweimal jährlich den Ernstfall

shz.de von
03. Januar 2015, 05:30 Uhr

Neumünster | Drei Jahre lang haben sie an ihrem neuen Standort gebaut, jetzt ist das Einsatztrainingszentrum der Polizeidirektion fertig. Ab sofort wird auch der neue Regieraum zum Einsatz kommen, der durch technische Raffinessen manche Gefahrensituation im Training noch realistischer zu simulieren vermag. Dieses Zentrum macht die Polizei besser und schlagkräftiger.

Zweimal jährlich übt jeder Polizist aus der gesamten Polizeidirektion Neumünster, zu der auch der Kreis Rendsburg-Eckernförde gehört, den Ernstfall in der alten Fabrikhalle. Wo genau die Halle liegt, gibt die Polizei aus Sicherheitsgründen nicht bekannt.

Betreut werden die Beamten in ihrem Spezialtraining von drei hauptamtlichen Trainern, Hauptmeister Wolfhard Pommerening (52), Oberkommissar Ralf Dittmer (44) und Hauptmeister Rainer Deinhard (47), sowie 20 nebenamtlichen Einsatztrainern. „Es geht hier letztlich um den Eigenschutz der Kollegen und um den Umgang mit dem normalen Handwerkszeug“, sagt Wolfhard Pommerening. Geübt werden ganz gewöhnliche Situationen, wie sie jedem Polizeibeamten im Dienstalltag passieren können: Das Aufspüren eines Einbrechers in dunklen Räumen ist bei den halbjährlich wechselnden Themen ebenso dabei wie die Kontrolle und Festnahme eines Autofahrers, die Eskalation eines Familienstreits oder Durchsuchungen. Aber auch Amok-Lagen oder Fälle wie die Festnahme des Todesschützen im Finanzamt in Rendsburg stehen auf dem Trainingsplan.

Geübt wird dabei nicht nur mit harten Bandagen. Deeskalierende Gespräche, die richtige Mimik und Gestik sind immer auch Schwerpunkte der Fortbildungen. Denn die Lehrkräfte wissen: Ein Großteil der brenzligen Situationen ist mit Sprache zu regeln. Dennoch: Gewalt gegen Polizeibeamte ist auch in Neumünster ein Thema. Und dann muss der Einsatz von Schlagstock, Pfefferspray, Taschenlampe, dem Schutzschild und auch der Dienstwaffe funktionieren – und verhältnismäßig sein, betonen die Trainer.

Zuerst geht es meist ohne großes Szenario zur Sache. Im Raum für Selbstverteidigung stehen Schutzanzüge, Schaumstoffschlagstöcke, Helme oder Schlagkissen zur Verfügung. In einer kleinen Turnhalle, die die Trainer in Eigenleistung mit selbst geschnittenen Matten komplett gepolstert haben, wird entweder an Ringerpuppen oder an Kollegen zum Beispiel ein Kniehebel geübt. An Sandsäcken werden die Schlagtechniken verbessert.

Im größten Teil der 650 Quadratmeter großen ehemaligen Lagerhalle werden immer neue Einsätze möglichst realistisch nachgestellt. Geschossen wird mit Farbmarkierungs-Munition. Die hinterlässt nicht nur bunte Flecken, sondern ist durchaus vom Getroffenen unangenehm zu spüren. Durch Rolltore können Autos als Übungsobjekte in die Halle gefahren werden. Variable Wände ermöglichen es den Trainern, immer wieder neue verwinkelte Gebäude zu errichten. Mancher Aufbau dauert einen Monat.

„Licht und Dunkelheit“ war das Thema in den vergangenen Wochen. Zum Teil im Stockfinstern wurden die Polizisten trainiert. Die Einsatztrainer hatten dafür ein Haus mit mehreren Räumen, Fluren und Möbeln nachgebaut. Ein Täter versteckte sich hinter einem Vorhang, einer stand plötzlich mit gezogener Waffe im Kegel der Taschenlampe. Wolfhard Pommerening hatte mit einer Leine eine Klappe geöffnet und die Figur so unvermutet ins Geschehen gebracht.

„Wir fahren hier den Stresspegel bewusst hoch“, erklärt sein Kollege Ralf Dittmer. Aus dem neuen Regieraum können dafür unter anderem Musik, Hundegebell, ein Knall, Nebel und Blendeffekte eingespielt werden. Das Blaulicht flackert durch die Dunkelheit. Immer wieder werden die Fortbildungsteilnehmer überrascht, wenn sie mit einem schweren Schutzschild in der Hand die Räume durchsuchen. „Demnächst wird alles noch realistischer, weil wir zwei Kollegen als Darsteller einsetzen und die beiden Puppen abschaffen können“, so die Trainer. Außerdem wird aus dem Regieraum gefunkt – wie im Ernstfall. Was in den 13 Räumen passiert, wird von dort über elf Kameras aufgezeichnet und gegebenenfalls später mit den Teilnehmern analysiert.

Bei den Kollegen kommt das Training bisher gut an. „Viele würden sogar gern öfter als zwei Mal im Jahr hier üben. Sie fühlen sich durch das Training sicherer“, weiß Wolfhard Pommerening.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen