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Aktivwochen für Ältere : Spannende Erpenbeck-Lesung

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Leselust-Mitglieder lasen in den Aktivwochen für Ältere aus dem Roman der Fallada-Preisträgerin von 2014

Neumünster | Das Seelenleben eines Professors im Ruhestand unter der Lupe einer feinsinnig formulierenden Schriftstellerin und die Situation von Flüchtlingen in Berlin: Diese Symbiose liefert das Buch mit dem auf Deutschkurse anspielenden Titel „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck. Es stand gestern im Mittelpunkt der Lesung im Nachbarschaftscafé des Volkshauses, einer Veranstaltung der Aktivwochen für Ältere.

„Richard hat Zeit. Muss er sich noch rasieren? Kann er das wachsen lassen, was wachsen will – oder ist das der Anfang vom Sterben?“ Abwechselnd lasen Waltraud Gedig, Hans Pries und Ute Reinhardt von der Vorleseinitiative Leselust aus dem 2015 erschienenen Buch der Fallada-Preisträgerin von 2014 und entführten ein Duzend mucksmäuschenstill lauschende Zuhörer in den Ruhestand des Professors. Den quält die nun reichlich vorhandene Zeit, er räumt sein Büro aus, packt Bücher ein. Der Abschied ist für ihn ein Ende, er liest aus Manuskripten seiner Studenten, ist entlassen in Tage ohne die Struktur seiner Arbeit. Es ist der Aufbruch in eine neue Lebensphase: „Er wird das machen, was ihm Spaß macht. Und wenn der Kopf nicht mehr mitmacht, dann weiß der Kopf auch nicht, dass es ihn nicht gibt.“

Bereits im zweiten Kapitel („Die schwarzen Männer“) lässt Jenny Erpenbeck den Professor Flüchtlingen begegnen – diese treten vor dem Berliner Rathaus in den Hungerstreik – und schildert den Konflikt zwischen diesen, die ihre Namen nicht nennen wollen, und denjenigen, die die Bürokratie vertreten, Namen und persönliche Details verlangen: „Die Männer schwiegen. Sie wollten lieber sterben als sagen, wer sie sind.“

Die Schriftstellerin thematisiert auch Grundsätzliches über Solidarität: Kann man vor dem Fernseher ein Schinkenbrot im Angesicht von Hungernden essen? Richard schüttelt das „protestantische Erbe seiner Mutter“ ab – ein permanenter Zustand der Reue. Er beschließt aber auch, den Flüchtlingen hautnah zu begegnen. Auch der Alltag der Flüchtlinge wird überspitzt beschrieben: „Was tun sie den ganzen Tag?“, fragt eine Journalistin. Eine Helferin: „Nichts. Und wenn das Nichtstun zu schlimm wird, organisieren wir eine Demo.“

Zwei Stunden lang mit Pausen las das Trio und erntete herzlichen Beifall. „Sehr gut, der Blick auf die Wirklichkeit wirkt elementar, man fühlt sich angesprochen und betroffen“, meinte Zuhörer Peter Hanke (68) aus Wittorf und zollte den Vorlesern ein Lob: „Der Vortrag war sehr gelungen.“

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erstellt am 13.Apr.2016 | 11:30 Uhr

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