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Holsteinischer Courier

15. Dezember 2017 | 21:36 Uhr

Boostedt : Sieger dichtet oft nachts

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Lennart Hamann slamte in Boostedt am besten.

Boostedt | Einen echten Hochkaräter unter seinen regelmäßigen Veranstaltungen hat der Hof Lübbe am Sonntagabend geliefert: Beim Poetry Slam blieb kaum ein Auge der rund 100 Besucher trocken. Neun junge Poeten hatten bei dem modernen Dichterwettstreit das Publikum mit ihren Texten eingefangen und mit den Wörtern wahlweise gekitzelt, gepiekt oder gepeinigt.

Sechs Minuten hatte jeder der Sprachkünstler Zeit, auf der Bühne ohne Requisiten seinen Text vorzutragen. Selbstverfasst musste er sein. „Texte von Goethe oder Bushido dürfen nur von Goethe oder Bushido selbst vorgetragen werden“, klärte Moderator Björn Högsdal auf. Freiwillige aus dem Publikum hatten sich als Jury betätigt und die Präsentationen mit Noten zwischen eins und zehn bewertet, wobei ein Zehn-Punkte-Text so gut ist, „dass man ihn sich auf den Oberkörper tätowieren will“, meinte der erfahrende „Slammer“ Björn Högsdal augenzwinkernd weiter. Aus den vier Finalisten hat das Publikum schließlich mit seinem Applaus über den Gewinner entschieden.

Das war kein leichtes Unterfangen, denn die Künstler waren ausnahmslos hervorragend. „Man merkt, dass sie keine Anfänger sind“, meinte auch Peter Thomsen, der mit seiner Frau Kerstin zum ersten mal einen Poetry Slam besuchte und beeindruckt war. Viele Texte waren urkomisch und überstiegen das Niveau so manches TV-Comedians locker. So etwa Quinn Christiansens Geschichte über die Waldorfschüler-Klischees oder Björn Katzurs aberwitziger Kampf gegen den Garten.

Aber auch ernste Töne gab es, und insbesondere Hille Nordens Text und Darbietung über die ertrunkenen Flüchtlinge berührte tief und trieb vielen Zuhörern Tränen in die Augen. „Ich war so gerührt, dass ich kaum klatschen konnte“, meinte Hartmut Bielfeldt vom Kulturverein Hof Lübbe. Großartig waren sie alle, aber gewonnen hat an diesem Abend Lennart Hamann (22). Der Soziologiestudent aus Hamburg hat auswendig seine „schokosexuelle“ Beziehung zu Schokolade dargeboten, mit so viel kreativem Wortwitz und überraschenden Volten, dass die Zuhörer sich ausschütteten vor Lachen.

„Oft schreibe ich nachts, wenn ich nicht schlafen kann“, erzählte er. „Ich habe aber auch viele halbfertige Texte auf Halde liegen und flicke immer mal wieder an ihnen herum.“ Seit zwei Jahren besucht Lennart Hamann Poetry Slams: „Das Schöne daran ist die flache Hierarchie. Wir kennen uns untereinander und sind uns einig, dass Kunst im Grunde nicht zu bewerten ist. Daher gibt es keine Rivalität, dafür aber in unserer ,Slamily‘ viele Freundschaften.“

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