Rickling : Sie ist ein echtes Christkind

Die Ricklingerin Annelies Kiesbye-Sierk feiert heute ihren 92. Geburtstag. Die Schiefertafel, auf der sie als Kind ihre Gratulanten zählte, existiert immer noch.
Die Ricklingerin Annelies Kiesbye-Sierk feiert heute ihren 92. Geburtstag. Die Schiefertafel, auf der sie als Kind ihre Gratulanten zählte, hat sie immer noch.

Annelies Kiesbye-Sierk (92) hat am 24. Dezember Geburtstag. Als Kind hatte sie immer das Gefühl, ein wenig zu kurz zu kommen.

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24. Dezember 2014, 08:00 Uhr

Rickling | Wenn Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag fallen, ist das immer etwas Besonderes. Zum Beispiel an Kindergeburtstag ist an Heiligabend natürlich nicht zu denken. „Meine Mutter hat aber immer betont, dass es für sie ein schönes Weihnachtsfest war, als ich auf die Welt kam“, erzählt Annelies Kiesbye-Sierk schmunzelnd. Sie feiert als echtes Christkind heute ihren 92. Geburtstag, hat also reichlich Erfahrung mit dem Geburtstag am 24. Dezember.

„Als Kind hatte ich immer ein bisschen das Gefühl, das ich zu kurz komme. Denn meine Eltern waren in der sozialen Arbeitereinrichtung Heidehof als Hauseltern tätig. Sie hatten natürlich keine Zeit für mich, da ja das Weihnachtsfest für die Bewohner vorbereitet werden musste“, berichtet die gebürtige Ricklingerin.

Doch etwas Besonderes hatten die Geburtstage der Jüngsten unter vier Geschwistern dennoch. Denn die kleine Annelies bekam über viele Jahre einen eigenen, kleinen Weihnachtsbaum, den sie nach Herzenslust ausstaffieren durfte. „Vor allen Dingen sollte mich das beschäftigen, damit ich meiner Mutter nicht im Weg herumstand. Aber es hat natürlich auch Spaß gemacht“, gibt die ehemalige Sopranistin zu.

Im Laufe des Tages dann schlüpfte die Kleine immer wieder vor die Tür. „Allerdings hielt ich dabei nicht nach dem Weihnachtsmann Ausschau, sondern spähte nach Gratulanten. Immer, wenn mir dann jemand vom Personal oder von den Bewohnern seine Glückwünsche aussprach, notierte ich dies mit einem dicken Kreidestrich auf meiner Schiefertafel. Und ich freute mich sehr darüber, wenn diese Strichliste lang ausfiel“, erzählt die Seniorin weiter. Die alte Schiefertafel existiert sogar noch – und das selbst nach 22 Umzügen, denn das bewegte Künstlerleben hat die Seniorin praktisch durch die ganze Welt getrieben.

Ihre Stimme spielte auch einst am Heiligabend schon eine Rolle. Das Fest in der Familie Kiesbye wurde nach dem Kirchgang im Heidehof mit seinen Bewohnern gefeiert. „Drei große Tannenbäume schmückten dort die Bühne. Mein Bruder Fritz spielte Geige, und ich war der singende Engel“, erinnert sich Annelies Kiesbye-Sierk noch gut an ihre ersten Auftritte. Ebenso lebhaft sind ihr der geliebte Dackel Moppel, für den die Eltern damals ein halbes Pfund Butter zahlten, und die Puppengeschenke von „Onkel Mai“ in Erinnerung. „Die Puppen hatten feine Porzellanköpfe und hießen, glaube ich, alle Frieda. Und mein Moppel hat sogar regelmäßig bei mir im Bett geschlafen“, erzählt die alte Dame lächelnd. Gefeiert wurden Annelies Kindergeburtstage übrigens natürlich dennoch – nur eben im Sommer, wenn es im Garten nach Erdbeeren duftete.

„Solange ich denken kann, haben wir zuhause Musik gemacht. Aber als ich Sängerin werden wollte, bestanden meine Eltern darauf, dass ich zunächst einen Beruf erlerne, von dem man auch leben kann, wie es hieß. Deshalb bin ich Kindergärtnerin geworden und habe nebenher Gesang studiert“, berichtet die Sängerin aus ihrem Leben, das sie an unzählige Bühnen brachte.

Als Erwachsene hat sich Annelies Kiesbye-Sierk nie große Gedanken über ihren speziellen Geburtstag gemacht. „Ich war immer unterwegs, und so wichtig nehme ich mich nicht. Was mir heute viel bedeutet, sind die Weißt-Du-noch-Freunde, mit denen ich in früheren Zeiten schwelgen kann“, sagt sie bescheiden. Außerdem schreibt sie plattdeutsche Gedichte. 

Gedicht Kinnerwunsch

Lütt Deern, nu kiek mol üm de Eck.

De Wiehnachsmann kümmt gliek.

Ik heff em eben bimmeln höört

güng  op de Straat an’n Diek.

Lütt Deern, hest du denn allns torecht,

büst waschen und büst kämmt?

Hest diene bunten Strümp al an

un ok ’n frisches Hemd?

O ja – du sühst heel nüdlich ut,

hest örnlich rode Backen.

Büst wohl al düchtig opgereegt?

Kannst meist ja gor nich snacken.

Heff man keen Angst, de Wiehnachsmann

de deit gewiss di nix.

Dien lütt Gedicht, dat kannst du doch?

Segg noch mol op ganz fix!

„Ik bün man noch so’n lütte Deern,

un mit de Poppen speel ik gern.

Ik bün man noch so’n lüttes Mäken

un kann an’n besten plattdüütsch spräken.

Nu frag ik di, leev Wiehnachsmann,

hest’t nich n‘ Popp, die Plattdüütsch kann?“

Sühst woll, dat geiht doch allerbest,

sitt di ganz fast in’n Kopp.

Nu bringt he woll, wat du di wünscht,

den Sleden un de Popp.

Annelies Kiesbye-Sierk

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