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Holsteinischer Courier

18. Oktober 2017 | 21:25 Uhr

Stadthalle : Shakespeare in neuem Gewand

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Starker Auftakt der Theatersaison: Theater an der Ruhr gelang eine bemerkenswerte Interpretation vom „Kaufmann in Venedig“

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2013 | 12:00 Uhr

Die neue Theatersaison in der Stadt begann am Mittwochabend mit einem bemerkenswerten Gastspiel vom „Theater a. d. Ruhr“ aus Mülheim mit William Shakespeares Stück „Der Kaufmann von Venedig“ im Theater in der Stadthalle.Wer schon Inszenierungen von Roberto Ciulli und seiner „Theaterfamilie“ sah, der erwartet hochprofessionelles, innovatives Theater, rechnet aber auch mit ungewohnten Interpretationen, die „alte“ Geschichten an unsere Gegenwart heranrücken. Die Erwartungen wurden voll bestätigt, denn das „Lustspiel“ wurde – mit dem Wissen von vier Jahrhunderten nach Shakespeare – neu gelesen und gespielt. Für Ciullis Lesart brauchte das Publikum trotz mancher karnevalistisch-alberner Szene viel Offenheit und Aufmerksamkeit, denn sie war voller Assoziationen, von denen sich viele schnell einordnen ließen, manche aber irritierend und rätselhaft blieben.

Rätselhaft erscheint auch dem Kaufmann Antonio der Sinn des Geschehens. Er sinniert am Ende nachdenklich und traurig über das Leben an sich. Doch zweieinhalb Stunden war er der Mittelpunkt der Handlung, in der er seinen geliebten Gefährten Bassanio zuerst an die Gesellschaft der gelangweilten Schickeria und dann an die reiche Erbin Porzia verliert. Um ihr zu imponieren, muss Bassanio nicht nur Rätsel lösen (tolle Szene!), sondern auch viel Geld auf den Tisch legen. Das leiht er sich von Antonio, der – gerade nicht flüssig - wiederum vom reichen Juden Shylock leiht, der einen Schuldschein verlangt. Der besagt, dass Shylock, falls das Geld nicht rechtzeitig zurückgezahlt wird, ein Pfund Fleisch aus dem Körper des Antonio „nächst dem Herzen“ zusteht. Dass Shylock seinen Hass an Antonio (zu den Klängen von „Isoldes Liebestod“) nicht ausleben kann, verhindert die kluge Porzia in der Richterrolle. Am Ende fallen alle über den Außenseiter Shylock her, nehmen ihm sein Hab und Gut, zwingen ihn zur Taufe, jagen ihn davon. Das sind starke Bilder, und großartig spielten die Protagonisten diese Kernszenen: Volker Roos war der tiefsinnige Kaufmann Antonio, Petra von der Beek der hasserfüllte Shylock. Warum eine Frau? Vielleicht, weil die Figur so leichter den gängigen Klischees „des Juden“ entgehen kann?

Im Stück wird zwar vom Tode Shylocks gesprochen; doch in der Inszenierung scheint Ciulli selbst als „ewiger Jude“ wieder auferstanden zu sein. Das ist zwar nicht Shakespeare, aber echt Ciulli. Er verweigerte dem Publikum auch einen Schluss à la Shakespeare mit drei glücklichen Paaren und zeigte die ehemals so junge Gesellschaft um Jahrzehnte gealtert, gebrechlich und in hoffnungsloser Tristesse erstarrt. Aus der großen Ensembleleistung müssen noch einige Darsteller hervorgehoben werden. Rosmarie Brücher hatte als Portia einen fulminanten Opernauftritt, untermalt mit Verdi-Musik aus „Die Macht des Schicksals“ und rückte als „falscher“ Richter in den Mittelpunkt des Geschehens. Komödiantisch und beklemmend-naturalistisch war Maria Neumann als Nerissa, von großer Präsenz Simone Thoma als Shylocks Tochter Jessica. Fabio Menéndez (Bassinio) fand eine gute Mischung aus Leichtsinn und dümmlichem Staunen, ebenso seine gleichgepolten Kumpane. Der Applaus – leider von nur rund 300 Besuchern – setzte etwas zögerlich ein, verstärkte sich aber zu viel Anerkennung für einem lebendigen Theaterabend, der Shakespeare nahe war und ihn gleichzeitig ins 21. Jahrhundert transponierte.

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