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Neumünster : Sextäter auf freiem Fuß - Stadt in Sorge

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Er wurde bereits wegen Missbrauchs in 99 Fällen verurteilt, jetzt ist er wieder auf freiem Fuß und lebt in Neumünster. Dort suchte der 72-Jährige wieder Kontakt zu Kindern.

Neumünster | Der Mann fiel ganz normalen Bürgern auf. Die Art und Weise, wie er sich Kindern näherte, war ihnen so unheimlich, dass sie einschritten oder die Polizei riefen. Zum Glück. Am Montag musste sich der Rentner (72) vor dem Amtsrichter verantworten. Der Vorwurf: Der vorbestrafte Sexualstraftäter soll gegen Weisungen der Führungsaufsicht verstoßen haben.
Vor gut anderthalb Jahren untersagte das Landgericht Koblenz dem Mann, "mit Minderjährigen in der Art zu verkehren, die über das im Alltag übliche Maß hinausgeht (zum Beispiel Begegnungen im Supermarkt, Schwimmbad, Volksfest)" - so der Wortlaut. Denn der Angeklagte hat bereits in einem anderen Bundesland wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern mehrere Jahre im Gefängnis gesessen. Nach geltendem europäischem Recht darf er aber trotz der Warnungen von Gutachtern nicht nachträglich in Sicherungsverwahrung genommen werden .
"Er war so merkwürdig, sprach alle Kinder an, ließ keins aus"
Mittlerweile lebt der Mann in Neumünster. Und auch dort soll er sich laut Anklage mehrfach an Kinder - Jungen wie Mädchen - herangemacht haben: Am 18. April dieses Jahres soll er in den Teichuferanlagen zwei Mädchen (sieben oder acht Jahre) angesprochen haben; angeblich wollte er ihnen Witze erzählen. Wenig später soll er einen Jungen (zirka zehn Jahre) auf seinem Fahrrad am Teich angehalten, in ein Gespräch verwickelt und am Bein angefasst haben. Ein Elternpaar mit einem kleinen Kind beobachtete die Szenen und rief schließlich die Polizei. "Er war so merkwürdig, sprach alle Kinder an, ließ keins aus", erzählte die Mutter vor Gericht im Zeugenstand.
Ähnlich erging es einem jungen Bauhelfer einen Tag später. Er war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, trank sein Feierabendbier und blickte von seinem Balkon auf den Spielplatz an der Walter-Hohnsbehn-Straße. Dabei sah er, "wie der Mann um zwei Mädchen herumging, die auf Pollern saßen". Weil ihm die Sache nicht geheuer war, eilte der Zeuge zum Spielplatz. Die 12 und 13 Jahre alten Mädchen berichteten ihm von anzüglichen Bemerkungen. Der Zeuge rief die Polizei. Nur wenige Tage später soll der Angeklagte in einer Buchhandlung in der Innenstadt ein zehnjähriges Mädchen in ein Gespräch verwickelt haben. Anschließend soll er beim Entenfüttern am Teich Kontakt zu mehreren Kindern gesucht haben.
Angeklagter beschimpfte die Polizeibeamten
Am 17. August 2012 hat er laut Anklage gegen 17 Uhr an der Ehndorfer Straße versucht, ein Mädchen (12) zum Einsteigen in sein Auto zu bewegen, indem er immer wieder auf den Beifahrersitz klopfte. Als das Mädchen weiterging, sei er ihr mit einer Straßenkarte nachgegangen. Auch hier schritt eine aufmerksame Passantin ein.
Vor Gericht erschien der Angeklagte mit einem prall gefüllten Aktenkoffer. Immer wieder blätterte er in Unterlagen und kramte Fotos von den betreffenden Orten hervor. Zu den Vorwürfen äußerte er sich nicht. Stattdessen beschimpfte er in den Verhandlungspausen die Polizeibeamten im Saal und sprach von einem "großen Skandal", den er aufdecken werde.
Vier Monaten Freiheitsstrafe - Urteil noch nicht rechtskräftig
Nach den ausführlichen Zeugenaussagen war sich die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer sicher: "Sie sind nicht einsichtig, lassen sich nicht einschränken und machen einfach so weiter." Sie forderte deshalb fünf Monate Haft.
Der Verteidiger sah das komplett anders. "Was entspricht der Üblichkeit? Ist es nicht üblich, in der Buchhandlung Kinder anzusprechen?", fragte er und forderte Freispruch. Das Gericht verurteilte den Rentner schließlich zu vier Monaten Freiheitsstrafe wegen des vierfachen Verstoßes gegen Weisungen der Führungsaufsicht. In seiner Urteilsverkündung wurde der Richter sehr deutlich: "So uneinsichtig, so dickköpfig, wie Sie sich heute verhalten haben, bleibt nur eine Freiheitsstrafe. Ich sehe hier nicht einmal den Ansatz einer positiven Sozialprognose. Da ist nichts. Unbeteiligte, objektive Bürger haben Sie beobachtet und gesagt: Das geht so nicht", fasste der Richter seinen Eindruck zusammen.
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Verteidigung hat angekündigt, dass sie Rechtsmittel einlegen werde. Somit bleibt der Rentner vorerst auf freiem Fuß.

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erstellt am 30.Aug.2012 | 10:14 Uhr

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