Neumünster : Seelen stärken in schweren Stunden

„Den Tagen mehr Leben geben“: Im Sinne der Hospiz-Begründerin Cicely Saunders ließen sich Sabine Scheuermann (Mitte) und Holger Henningsen zu Sterbebegleitern ausbilden und gehören jetzt zum Team von Julia Hertz-Kleptow, der Leiterin des Hospiz-Zentrums.
„Den Tagen mehr Leben geben“: Im Sinne der Hospiz-Begründerin Cicely Saunders ließen sich Sabine Scheuermann (Mitte) und Holger Henningsen zu Sterbebegleitern ausbilden und gehören jetzt zum Team von Julia Hertz-Kleptow, der Leiterin des Hospiz-Zentrums.

Hospiz-Initiative startet neue Kurse für Sterbebegleiter. 190 Begleitungen fanden 2017 statt. Die Nachfrage ist groß.

shz.de von
28. Juli 2018, 09:32 Uhr

Neumünster | Einem todkranken Menschen beizustehen, ist keine einfache Sache – und als Sabine Scheuermann in ihrem Freundeskreis erzählte, dass sie sich zu einer Sterbebegleiterin ausbilden ließ, kam prompt die Reaktion: „Wie kannst Du das denn machen?“ Doch die 64-Jährige, die 46 Jahre als Krankenschwester gearbeitet hatte, ist sicher, das Richtige zu tun: „Es macht einem klar, wie kostbar die Zeit ist.“ Es gibt immer mehr, die so denken: 31 Ehrenamtliche ließen sich in den jüngsten Kursen der Hospiz-Initiative für diese anspruchsvolle Tätigkeit schulen; insgesamt gibt es 106 Ehrenamtliche.

„Im vergangenen Jahr gab es 190 Begleitungen, 2018 haben wir aktuell bereits 125, das ist eine große Nachfrage“, sagt Julia Hertz-Kleptow, die Leiterin des Hospiz-Zentrums an der Moltkestraße. Auch Holger Henningsen ist Sterbebegleiter. Ihn haben berufliche Erlebnisse an das Thema herangebracht: Der Taxifahrer fuhr in den 80er-Jahren viele Patienten zum Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, darunter auch Kinder. „Mit der Zeit tauchte ich in diese Welt ein, habe viele Schicksale gesehen. Die Sterblichkeitsrate bei Krebs war damals hoch, und ich hatte selbst kleine Kinder. Ich möchte etwas Sinnvolles tun. Menschen so zu begleiten, vermittelt auch eine Art Demut vor dem Leben und Dankbarkeit für Gesundheit und schöne Momente im Leben“, sagt der 58-jährige Gadelander. Im Gegensatz zu früher fehlt oft ein familiäres Netzwerk: „Die Menschen haben es im Laufe von zwei Generationen verlernt, das Sterben im Kreis der Familie zu erleben.“ Sabine Scheuermann arbeitete 18 Jahre in der Notaufnahme: „Ich hatte immer den Wunsch, mehr Zeit für die Menschen zu haben.“

Zur Vorbereitung absolvieren die Begleiter einen Grundkursus, in dem Themen wie die Hospiz-Bewegung, Kommunikation, Gesprächsführung, Trauer, aber auch Patientenverfügung und Vollmachten behandelt werden. Anschließend gibt es einen Praxis-Teil mit Einsätzen auf der Palliativstation, der Friedhofskapelle und in Altenheimen; besucht werden ein stationäres Hospiz, ein Bestattungsunternehmen und der Friedhof. Die Ausbildung geht über einen Zeitraum von etwa einem Jahr. Neue Kurse starten im August.

Sterbebegleitungen werden von denen vermittelt, die nahe am todkranken Menschen sind – Ärzte, Schwestern oder Verwandte. Manche Patienten wollen noch dringende Dinge regeln, Zwistigkeiten klären oder einfach nur noch etwas loswerden, vor allem aber nicht allein sein. „Man hört zu, manchmal schweigt man auch und ist einfach nur da“, sagt Sabine Scheuermann. Welcher Begleiter zu einem Patienten kommt, wählen die Koordinatoren nach dem Erstgespräch mit dem Patienten – das sind Benedikte Gade, Friderike Dühring-Ehrke und Vivian Voß. „Wer zu wem passt, wird erspürt. Das ist nicht einfach, Hut ab, dass das meistens passt“, sagt Henningsen. Die Hauptamtlichen haben alle Ehrenamtlichen im Blick – auch in Hinsicht auf das Verarbeiten des Erlebten; bei Bedarf gibt es Supervision. „Unser Ziel ist das Neumünsteraner Modell, eine flächendeckende Versorgung der Pflege- und Alteneinrichtungen“, sagt Julia Hertz-Kleptow. Im Internet:

www.hospiz-neumuenster.de

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