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Holsteinischer Courier

22. November 2017 | 08:40 Uhr

Thementag : Schutzraum für traumatisierte Kinder

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Lokales Bündnis organisiert Thementag zum Los von Kindern psychisch kranker Eltern / Therapeutisch begleitete Gespräche helfen in die Normalität zurück

shz.de von
erstellt am 07.Jun.2015 | 16:15 Uhr

Neumünster | Das Lokale Bündnis für Familien der Stadt organisiert für den 18. Juni im Lebensmittelinstitut KIN an der Wasbeker Straße einen öffentlichen Thementag zum schweren Los von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen. Der Courier stellt beispielhaft Einrichtungen vor, die sich mit der noch immer stark tabuisierten Problematik befassen und Hilfsangebote bieten. Heute der letzte Teil der Serie.

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Wenn Charlotte aus der Schule kommt, steht kein warmes Essen auf dem Tisch. Ihre Mutter liegt im Bett und schläft. Die Wohnung ist unordentlich, Charlotte schämt sich und ist verwirrt, weiß nicht, was sie machen kann, damit es Mama besser geht. Hat sie etwas falsch gemacht? Sie weiß, dass etwas nicht stimmt – aber was genau? Kinder von psychisch kranken Eltern, wie die fiktive Charlotte aus Kirsten Boies Buch „Mit Kindern redet ja keiner“, fühlen sich allein gelassen mit ihren Problemen. Um ihnen Halt zu geben, sie zu entlasten und zu unterstützen, sie aufzuklären und zu stärken, gibt es seit 2009 therapeutisch begleitete Gruppenangebote als ein gemeinsames Projekt der Brücke Neumünster als Träger und des Kinderschutzbundes (KSB).

Kinder merken, dass etwas anders ist. Sie sind in einer besonders schwierigen Situation und fühlen sich häufig mitverantwortlich dafür, dass es Mama oder Papa schlecht geht. Sie trauen niemandem und spüren, dass die Eltern Angst davor haben, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. „Kinder wissen automatisch, dass sie nicht darüber reden sollen“, sagt Godela Köster, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin beim KSB. Sie, Fritz Bremer, Diplompädagoge und pädagogischer Leiter der Brücke Neumünster, und Diplom-Sozialpädagoge Ralf Witte vom Ambulanten Dienst der Brücke stoßen erstmal auf Skepsis – sowohl bei Eltern als auch Kindern.

Auf solche Fälle werden die Helfer in der Regel von Kinderärzten, dem FEK, der Fachklinik Hahnknüll, dem Allgemeinen Sozialen Dienst oder niedergelassenen Therapeuten hingewiesen. Wenn der Kontakt hergestellt ist, sind die Kinder oft unsicher und ängstlich, denn sie haben erlebt, wie Nachbarn oder andere Vorurteile haben, Kommentare abgeben. Sie sind sozial isoliert, weil sie sich nicht trauen, Klassenkameraden nach Hause einzuladen, weil Mama beim letzten Mal ausgerastet ist. Sie sind belastet, weil sie die Aufgaben der kranken Eltern übernehmen, den Haushalt wuppen, jüngere Geschwister betreuen. „Das ist eine große Last für kleine Schultern“, sagt Godela Köster.

In der Gruppentherapie erfahren die Kinder, an was genau ihre Eltern erkrankt sind. Sie werden befreit von ihrer Verantwortung; sie lernen, was die Wirklichkeit ist – denn oft stehen sie zwischen der Realität der kranken Eltern und der, die sie „da draußen“ erfahren: „Bei einem Kind waren die Fenster abgeklebt aus Angst vor Aliens“, erzählt Godela Köster. In der Therapie dürfen die Kinder ihre Gefühle zulassen und reden. Hier können sie erfahren, dass sie nicht allein sind. „Wir schaffen Vertrauen und Sicherheit, entlasten die Kinder von ihren Schuldgefühlen, helfen ihnen, Selbstvertrauen aufzubauen. Sie dürfen wieder Kind sein, Spiel und Sport mit Freunden machen“, sagt Godela Köster. Parallel gibt es Elterngespräche.

2009 startete das erste Angebot dieser Art; finanziert wurde es durch Stiftungen und private Spenden. Seit 2015 wird es von der Stadt gefördert. Bremer: „Neumünster ist Vorreiter, wir sind eine der wenigen Regionen mit so einem Angebot.“ 18 Kinder werden pro Jahr in zwei Gruppen therapiert, 2013 wurde eine fortgeschrittene Gruppe für Nachgespräche ins Leben gerufen.

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