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Insolvenzberatung : Schulden machen immer öfter krank

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

2016 gab es weniger außergerichtliche Einigungen, mehr Verbraucherinsolvenzen

von
erstellt am 21.Apr.2017 | 08:20 Uhr

Neumünster | Trotz sinkender Arbeitslosigkeit steigt die Zahl der überschuldeten erwachsenen Neumünsteraner. Das spiegelt sich auch in steigenden Klientenzahlen bei der Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie wider. Deren Leiterin Sibylle Schwenk und Diakonie-Chef Heinrich Deicke zogen gestern Bilanz für 2016.

519 Neumünsteraner suchten bei der allgemeinen Schuldnerberatung Hilfe, etwa bei drohenden Stromsperren oder Pfändungen. Das waren 6 Prozent mehr als 2015. In der vom Land finanzierten Insolvenzberatung gab es im vergangenen Jahr 616 laufende Fälle.

Dabei ging die „Anzahl der gütlichen Einigungen zurück, die Insolvenzen nehmen massiv zu“, sagte Sibylle Schwenk. So kamen nur noch 30 außergerichtliche Einigungen (minus 25 Prozent) zustande. Die Verbraucherinsolvenzen schnellten auf 156 Fälle hoch – um fast 50 Prozent. Zugleich wurden 61 Beratungen abgebrochen; auch das war ein deutliches Plus von gut 60 Prozent.

„Wir sind daher dankbar, dass das Land Mittel für eine weitere personelle Aufstockung bereit stellt“, sagte Heinrich Deicke. Nach 2016 darf die Diakonie in diesem Jahr mit einer weiteren zusätzlichen halben Stelle rechnen. Zurzeit betreuen sieben Beraterinnen und drei Verwaltungskräfte die Klientel.

Und die hat oft nicht nur finanzielle Probleme. Erstmalig wurden den Kunden weitere Fragen gestellt, und nun weiß man bei der Diakonie: Zwei Drittel ihrer Klienten leiden an einer oder an mehreren Krankheiten. Dabei seien die oft nicht bloß Folge, sondern in vielen Fällen ein Auslöser des wachsenden Schuldenbergs, sagt Sibylle Schwenk: „Wir haben immer mehr Menschen, die durch Krankheit arbeitslos werden und ihre Schulden nicht mehr bedienen können.“

Arbeitslosigkeit ist mit 20 Prozent nach wie vor der Hauptauslöser einer Überschuldung. Aber an Position 2 folgten mit knapp 14 Prozent schon die Faktoren Krankheit, Sucht oder Unfall. Auf Platz 3 in der Rangfolge liegen Trennung, Scheidung, Tod eines Partners (12,5 Prozent). Unwirtschaftliche Haushaltsführung hat einen Anteil von 9,4 Prozent, gescheiterte Selbstständigkeit einen von 8,1 Prozent.

Die bundesweite Aktionswoche Schuldnerberatung widmete sich daher 2016 auch in Neumünster dem wechselseitigen Zusammenhang von Gesundheit/Krankheit und Schulden. „Überschuldung wirkt in den gesamten Lebensraum der Betroffenen hinein. Die Angst vor dem Verlust der Lebensgrundlage hat häufig eine soziale Ausgrenzung zur Folge und belastet die physische und psychische Gesundheit erheblich“, sagte Sibylle Schwenk. Leidtragende seien oft auch die Kinder in solchen Familien, so Deicke.

Die Schuldnerberatung setzt auf die Selbst- und Mithilfe der Rat suchenden Menschen. „Sie können ihre Schulden hier nicht einfach abgeben. Es bleiben ihre Schulden, und sie müssen aktiv bei der Tilgung mitwirken“, so Deicke. Unterstützung leisten die ehrenamtlichen Ämterlotsen der Diakonie, aber auch andere Stellen wie das Beratungszentrum Mittelholstein. Seit Juni 2016 bietet die Schuldnerberatung eigene Sprechzeiten direkt im Jobcenter an, seit Dezember auch in der Jugendberufsagentur. „Damit haben wir offene Türen eingerannt“, so Sibylle Schwenk. Besonderen Wert legt die Diakonie auf die Präventionsarbeit, etwa in Schulen. Deicke: „Das Beste ist, wenn erst gar keine Schuldenproblematik entsteht.“

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