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Sozialausschuss : Schulärztin: „Armut macht Kinder krank“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Sozialausschuss hatte am Mittwoch nur ein Thema: Armut in Neumünster. Die Experten nannten erschreckende Zahlen.

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erstellt am 26.Sep.2014 | 05:15 Uhr

Neumünster | Praktische Lösungsvorschläge gibt es nicht – eine rein akademische Übung war die Sondersitzung des Sozial- und Gesundheitsausschusses am Mittwoch in der DRK-Fachklinik Hahnknüll dadurch nicht. Das lag am schwierigen Thema „Armut in Neumünster“. Die Experten zahlreicher Fachdienste und der Wohlfahrtsverbände konnten mit erschreckenden Zahlen und Erkenntnissen aufwarten.

Als arm gilt laut OECD, wer nur über 50 Prozent des Durchschnittsnettoeinkommens verfügt. Das sind bei einem Single 817 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern 1715 Euro im Monat. Doch das hat ein Alleinverdiener mit zehn Euro brutto die Stunde in Vollzeit längst nicht im Portemonnaie, rechnete Jobcenter-Leiter Thorsten Hippe vor. Die Familie hätte Anspruch auf rund 700 Euro ergänzende Sozialleistungen. Auch viele Renten liegen unter Sozialhilfeniveau.

Sozialdezernent Günter Humpe-Waßmuth nannte als Hauptbetroffene Alleinerziehende, Migranten und Arbeitslose. Mehr als 40 Prozent der Kinder unter drei Jahren in Neumünster lebten in Hartz-IV-Familien. Das Erschreckende: Materielle Armut schlägt auch voll auf die Gesundheit, auf Bildungschancen und die soziale Integration durch.

„Arme Kinder werden seltener zu Geburtstagen eingeladen“, sagte der Leiter des Allgemeinen sozialen Dienstes, Jörg Hellberg. Stigmatisierung und Ausgrenzung seien so schon früh „zentrale Lebenserfahrungen“. Schulärztin Dr. Susanne Trenner wurde noch deutlicher: „Armut macht Kinder krank. Es gibt körperliche, emotionale und kognitive, das heißt intellektuelle Entwicklungsverzögerungen. Bei der Sprachentwicklung lässt uns das manchmal den Atem stocken.“ Verhaltensauffälligkeiten würden in der Schule zum Problem. In armen Familien werde deutlich mehr geraucht und getrunken, auch die ungesunde Ernährung führe zu einer höheren Infektanfälligkeit. Als Parameter für Armut könne auch die schlechte Zahngesundheit gelten.

Das „Bildungsrisiko Armut“ machte Bildungskoordinatorin Allmut Schnarcke deutlich. Fast 40 Prozent der Erstklässler in Neumünster stammen aus sogenannten bildungsfernen Familien. „Ein sehr hoher Wert“, so Schnarcke. Anhand der Sozialstaffel für die Kita-Beiträge zeigte Fachdienstleiter Jörg Asmussen: „Armut ist bei den Eltern angekommen.“ Gab es 1995 noch für 27 Prozent der Kinder einen Sozialrabatt oder die gänzliche Befreiung von den Kita-Beiträgen, waren es im vergangenen Jahr schon 52 Prozent.

Auch die Altersarmut in Neumünster wird größer. Das Thema ist schambesetzt. „Jeder dritte Berechtigte beantragt keine Leistungen, auch aus Angst, dass die Kinder herangezogen werden“, vermutete Romi Wietzke vom Seniorenbüro. Betroffen sind meist hochbetagte allein lebende Frauen. Wenn der Mann stirbt, reicht die Rente nicht mehr aus, um die Wohnung zu halten. Die Folgen seien sozialer Rückzug und Isolation.

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