Notquartier für Flüchtlinge: : Schüler ohne Berührungsängste

„Die haben doch nichts!“  – Göknur Keser (links) überreichte einer jungen Frau aus Afghanistan Kekse und Süßigkeiten für deren Kinder.
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„Die haben doch nichts!“ – Göknur Keser (links) überreichte einer jungen Frau aus Afghanistan Kekse und Süßigkeiten für deren Kinder.

Flüchtlinge und Schüler an der Gesamtschule Brachenfeld verständigen sich notfalls mit Händen und Füßen und spielen gemeinsam Volleyball. Wie lange das Notquartier geöffnet bleibt, ist ungewiss.

shz.de von
16. Juli 2015, 06:00 Uhr

Neumünster | Sechs Tage nach Ankunft der ersten Flüchtlinge in der Sporthalle der GS Brachenfeld hat sich an der Schule so etwas wie ein Alltag mit den Flüchtlingen eingestellt: Nach einem ersten gegenseitigen Abtasten zwischen Schülern und den Bewohnern der Notunterkunft gibt es an der Schule erste Kontakte. Cheerleader und Beachvolleyballer, die auf dem Sportgelände neben der Halle trainierten, haben die Flüchtlinge spontan zum Mitmachen eingeladen. Ehemalige Lehrer, die die Schulleiterin Silke Rohwer um Unterstützung gebeten hatte, nutzten die Gelegenheit, den Flüchtlingen ein paar Worte Deutsch beizubringen. „Wir wollen den Flüchtlingen zeigen, dass sie willkommen sind. Das ist der Schule bislang auch ganz gut gelungen“, sagte die Schulleiterin gestern. Berührungsängste gebe es nicht, Probleme mit den Gästen seien ihr nicht bekannt geworden, versicherte sie. Viele Schüler empfänden es aber als schade, dass die meisten Flüchtlinge nur sehr wenig Englisch verstünden.

Damit hatten auch Göknur Keser und ihre beiden Freundinnen Julia Lemke und Fatma Tas zu kämpfen: Die drei Frauen hatten sich am Telefon spontan auf eine private Hilfsaktion verständigt und verteilten gestern vor der Unterkunft aus dem Kofferraum ihres Wagens heraus Kinderkleidung, Spielzeug, Kekse und Süßigkeiten an die Neuankömmlinge. „Notfalls verständigen wir uns mit Händen und Füßen“, sagte Göknur Keser. „Irgendwie geht es. Wir wollten vor allem den Müttern und Kindern helfen. Die haben doch nichts als das, was sie auf der Haut tragen.“

Auch freiwillige Helfer, die sich im Internet auf Facebook zu einer Unterstützergruppe zusammengefunden haben, waren gestern wieder vor der Sporthalle aktiv: Unter anderem verteilten sie Hygieneartikel und Selterflaschen, die Großmärkten und Drogerieketten gespendet haben. (Kontakt: Holger Schostag, Tel. 60 46 223).

Aufregung gab es in der Notunterkunft auch schon: Gestern Morgen war in der Schule Feueralarm – allerdings nicht durch die Flüchtlinge ausgelöst, sondern durch Schüler. Bei einem Kochprojekt in der Projektwoche hatte ein qualmender Topf die Rauchmelder der Schule aktiviert. Weil Schulgebäude und Sporthalle unmittelbar aneinander grenzen, wurden sicherheitshalber sowohl die Schule als auch die Notunterkunft vorübergehend evakuiert. Die Feuerwehr lobte anschließend: Die Betreuer hätten die Flüchtlinge sehr gut und vorbildlich nach draußen geleitet.

Inzwischen leben rund 250 Menschen vornehmlich aus Syrien, Afghanistan und Nordafrika in der zur Notunterkunft umfunktionierten Sporthalle. Die meisten Menschen – vor allem Kinder und Frauen – bleiben jedoch nur zwei bis drei Tage und werden dann in die zentrale Unterkunft am Haart verlegt.

Wie lange die Unterkunft noch benötigt wird, war auch gestern unklar. Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras hatte die Halle am vergangenen Wochenende auf einen Hilferuf des Landes hin herrichten lassen – für maximal zehn Tage, wie der OB auch in der Ratsversammlung am Dienstagabend unterstrich. Die Frist würde am Montag auslaufen.

Wie es weitergehe, wisse man aber noch nicht, hieß es gestern aus dem Rathaus. Mehr Aufschluss erhofft man sich aus einer Telefonkonferenz mit dem Innenministerium, an der heute Mittag auch der OB teilnehmen wird.

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