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Theater : Schriller Auftritt mit berührenden Elementen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

„Carmen“ begeisterte 400 Zuschauer im Theater der Stadthalle.

Neumünster | Zu den Stoffen der Weltliteratur, die elementare Gefühle und Konflikte in ebenso einfacher wie eindringlicher Weise beschreiben, gehört „Carmen“. Am Mittwoch war das Stück im Theater der Stadthalle zu sehen.

1875 verfasste Prosper Mérimée seine Novelle, die den Mythos begründete, der in vielfältiger Form in Literatur und Musik, auf der Bühne und im Film seinen Ausdruck fand. Georges Bizets Oper machte „Carmen“ unsterblich; Choreografen von Weltruf (zum Beispiel Marius Petipa, Roland Petit, John Cranko) erkannten, dass sich die großen Leidenschaften der Handlung hervorragend in Körpersprache, Bewegung und Tanz übersetzen lassen.

Saura wählte als „Tatort“ den Trainingsraum einer Tanzakademie – und das tat auch das „Odyssey Dance Theatre“ aus Salt Lake City, Utah. Für eine neue TV-Tanzshow finden dort die Auditions statt, und der Producer und seine Assistentinnen entscheiden nach jeder Vorrunde, wer weiter kommt und wer ausscheiden muss.

Zwischen den Auftritten drillen die „Dance Teacher“ (hervorragend Mandy Lazzorini und Tino Smith – auch als TV-Producer und „Torero“) die Übriggebliebenen mit sehr gelungenen „Aufwärm-Übungen“. Am Ende des Castings steht die Siegerin, der neue Star für die TV-Show „Just Dance!“ fest: Es ist Carmen, die Kiana Little mit atemberaubender Präsenz, Präzision und Ausdruckskraft immer wieder zum Mittelpunkt vieler Szenen machte. Doch in der Minute ihres Triumphes verliert sie ihr Leben durch den eifersüchtigen Don (Brayden Newby drückte seine Lebensuntüchtigkeit eindringlich aus). Er kann die freidenkende und -handelnde Frau, die mit den Männern so berechnend spielt (symbolische Szene mit dem Apfel), nicht ganz für sich gewinnen, aber auch keinem anderen lassen. Echte Gefühle bringt ihm seine Jugendliebe Micaela, deren Zuneigung und Verzweiflung Laura Brick mit besonderer Ausstrahlung und phänomenalem Körpereinsatz über die Rampe brachte, entgegen.

Auf ihrer Europa-Tournee 2016 gastierte die 30 Frauen und Männer starke Tanztruppe am Mittwochabend vor gut 400 Besuchern mit ihrer Carmen-Version im Theater in der Stadthalle. Die Fassung, die Derryl Yeager (Artistic Director) und weitere Choreografen (auch aus seiner Truppe) erdacht hatten und das karge Ambiente einer Tanzschule irritierten sicher etliche Zuschauer, die aufgrund des Titels eine andere Darbietung erwartet hatten.

Von der „Carmen“-Handlung blieb ansatzweise, aber erkennbar nur die Eifersuchts- und Mordgeschichte übrig, und von Bizets Musik flogen nur ab und zu ein paar Melodiefetzen durch den Raum. Dennoch begeisterte dieser Tanzabend trotz seiner amerikanisch-schrillen, oft auch überdrehten Performance. Die Zuschauer erlebten Körperbeherrschung in Vollendung und absolut präzise vorgeführte Solo- und Ensemblenummern, gepaart mit Showtalent, Witz und Pantomime. Sie sahen eine tolle Mischung verschiedener Tanzstile – vom klassischen Ballett über Hip-Hop und Jazzdance – in einer atemberaubenden Vitalität und – auch das kam vor – mit leisen, berührenden Elementen. Die Pop-Songs (immer einen Tick zu laut) passten gut zu den originellen, leidenschaftlichen und ausdrucksstarken Szenen.

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