Fallada-Preis Neumünster : „Schreiben ist Seelenarbeit“

„Neumünster ist viel, viel schöner, als ich es in Erinnerung habe“: Gestern genoss die Fallada-Preisträgerin Sandra Hoffmann das gute Wetter in Rencks Park und am Teich.
„Neumünster ist viel, viel schöner, als ich es in Erinnerung habe“: Gestern genoss die Fallada-Preisträgerin Sandra Hoffmann das gute Wetter in Rencks Park und am Teich.

Fallada-Preisträgerin Sandra Hoffmann (51) über die heikle Arbeit mit Familienthemen und der NS-Zeit / Neumünster findet sie schön

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21. März 2018, 08:00 Uhr

Neumünster | Neumünster empfing die Fallada-Preisträgerin mit strahlendem Sonnenschein. „Ich war heute schon auf dem Wochenmarkt und stand vor der Holsten-Galerie. Neumünster ist viel, viel schöner, als ich es in Erinnerung habe“, revidierte Sandra Hoffmann gestern (gerne) den Eindruck von 2006 beim letzten Besuch. „Blauer Himmel – ich bin wahnsinnig gut gelaunt“, sagte die 51-jährige Münchnerin gestern vor der Preisverleihung im Theater der Stadthalle fröhlich.

„Ganz schön fassungslos“ sei sie gewesen, als sie Bücherei-Chef und Fallada-Preis-Jurymitglied Dr. Klaus Fahrner anrief: „Ich dachte, ich kriege den Preis sowieso nicht.“ Jahrelang hat sie Familienforschung betrieben und in ihrem Buch „Paula“ (2017) ein sehr persönliches Buch aus Sicht der Enkelin über ihre Großmutter geschrieben. Ihr Werk „Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist“ (2012) drehte sich um einen fiktiven Großvater, denn ihre Großmutter schwieg ihr Leben lang über ihn. Sandra Hoffmann erfand ihn als polnischen Zwangsarbeiter. „Es geht um die Frage, wie weit das Schweigen im Nachkriegsdeutschland über diese Dinge geht. Ich wollte wissen, was ist genau passiert, was gab es für Verbote, warum durfte man keine Liebesbeziehungen zu Nichtdeutschen haben“, sagt sie. Ausschlag gaben über 400 alte Fotografien ihrer Großmutter. Auf einer Ausstellung über die NS-Zeit entdeckte sie einen Zwangsarbeiter – ein ähnliches war auf einem alten Familienfoto. „Dieses Thema beschäftigte mich seit meiner Jugend, es war mein Motor und hat mich umgetrieben“, erklärt Sandra Hoffmann. Über Dinge zu schreiben, die so eng mit der Familie zusammenhängen, sei kompliziert: „Das ist Seelenarbeit und ein Abwägen: Wie nahe traue ich mich da ran? Aber es war meine drängendste Frage.“

In ihrer Studienzeit las sie Falladas „Der Trinker“ oder „Kleiner Mann, was nun?“; heute interessieren sie die Erzählungen und „Junge Liebe zwischen Trümmern“ aus dem Nachlass. „Ich bin keine Autorin des großen Formats mit 500 Seiten. Aber ich versuche, das weite Feld ins Kleine zu bannen – Familiengeschichte und Zwangsarbeit.“

Der mit 10 000 Euro dotierte Fallada-Preis ermögliche ihr einen kreativeren Schreibrhythmus („das größte Geschenk“). Sie schwärmt für Fallada-Preisträger Wolfgang Herrndorf und hält noch mehr von Ralf Rothmann: „Es ist eine große Freude, dass ich in diese Fußstapfen treten kann.“

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