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„Ziemlich beste Freunde“ : Schauspiel mit Ironie und Tiefgang

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Aufführung „Ziemlich beste Freunde“ nach dem gleichnamigen Kinofilm begeisterte die Zuschauer im Theater in der Stadthalle.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2014 | 05:15 Uhr

Neumünster | Die Theaterferien sind beendet, und schon am 5. Oktober ließen sich fast 200 Theaterfreunde bei einem Tag der offenen Tür auf die kulturellen Live-Erlebnisse, die das Kulturbüro für die Saison 2014/15 ausgewählt hat, einstimmen. Schauspiele, Operetten und Crossover-Angebote, hochkarätige Konzerte und Kabarett-Abende decken ein breites künstlerisches Spektrum ab, das Gefühl und Verstand gleichermaßen ansprechen kann.

Am Mittwochabend gelang das schon der Produktion des Tourneetheaters „Thespiskarren“ aus München mit dem Schauspiel „Ziemlich beste Freunde“. Die Bühnenfassung von Gunnar Dreßler basiert auf dem triumphalen Filmerfolg (2011/12) mit Francois Cluzet und Omar Sy und auf der Autobiographie „Der zweite Atem“ des Protagonisten Philippe Pozzo di Burgo, der bei einem Paragliding-Unfall „in tausend Teile zerbrach und mit 42 Jahren querschnittgelähmt war“.

Dass der ehemalige Geschäftsführer der Champagnerfirma Pommery dennoch den Lebensmut nicht verlor, verdankt er seinem Pfleger und Freund Abdel Sellou (im Stück Driss). Die zwei Männer aus ganz unterschiedlichen Gesellschafts- und Kulturkreisen begegnen sich bei einem Vorstellungsgespräch, denn Philippe sucht mal wieder einen neuen Pfleger. Auf den Job ist Driss nicht scharf, er braucht nur eine Unterschrift, damit er weiterhin Stütze bekommt. Doch gerade die respektlose, großmäulige Art des jungen farbigen Mannes aus der Vorstadt gefällt Philippe. Er engagiert Driss und die Geschichte einer verrückten und wunderbaren Freundschaft nimmt ihren Lauf. „Er ist mein Schutzteufel. Er hat mich befreit, wenn ich gefangen war, er hat mich zum Lachen gebracht, wenn ich nicht mehr konnte“, sagt Philippe.

Auch die Aufführung brachte die Zuschauer im voll besetzten Theater oft zum Lachen, denn Regisseur Gerhard Hess setzte mehr auf vordergründigen Witz als auf das Herausspielen ernster, bedrückender Passagen. Alle Szenen spielen in der Villa Philippes (Bühne: Cornelia Brey), einige der rasanten Aktionen, die den Film so belebten, werden knapp in Rückblenden erzählt. Philippe ist also nicht nur in seinem Körper gefangen, sondern auch räumlich eingesperrt.

Diese Bühnensituation hätte Anlass sein können, die psychologischen Aspekte stärker zu betonen. Doch das war nicht die Intention von Autor und Regisseur. Sie erzählen den Hergang in kleinen Szenen, die fast immer auf eine Schlusspointe zusteuern. Die leichthändig abgespulten Dialoge der „Komödie“ (so die Gattungsbezeichnung im Programmheft) sind sehr unterhaltsam, bringen aber die großartige, anrührende Geschichte um eine tiefere Dimension.

Dass das Publikum im vollbesetzten Theater den Abend mit viel Applaus bedachte, ist das Verdienst der Hauptdarsteller: Timothy Peach gelang es, trotz der körperlichen Starre über Mimik und Sprache wechselnde Gemütszustände – nicht ohne Selbstironie - zu vermitteln. Der permanent etwas zu überdrehte Felix Frenken passte gut in die Rolle des coolen Außenseiter Driss, der zum mitfühlenden Freund mutiert. In den Frauen-Rollen bewährte sich Sara Spennemann. „Ziemlich beste Freunde“ war ein verheißungsvoller Theater-Auftakt.

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