Rundgang gegen das Vergessen

Ein Moment der Andacht:  Sigrun Becker beugt sich über den Stolperstein für  Konrad Matzke (1883 - 1945). Foto: Fotos: Bluhm
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Ein Moment der Andacht: Sigrun Becker beugt sich über den Stolperstein für Konrad Matzke (1883 - 1945). Foto: Fotos: Bluhm

Stadtführerin Heide Winkler erinnerte an das Schicksal von Nazi-Opfern / Bündnis legte Rosen nieder

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10. November 2012, 01:28 Uhr

Neumünster | Der 9. November - ein Tag des Jubels oder des stillen Gedenkens, der Trauer und des Mahnens? Rund 60 Neumünsteraner entschieden sich gestern, am 74. Jahrestag der Pogromnacht in Deutschland, für letzteres und hatten dabei sogar die Auswahl.

Stadtführerin Heide Winkler veranschaulichte am Nachmittag 30 Teilnehmern bei einem Rundgang zu den Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demnig, wie der Terror der Naziherrschaft einzelne Menschen und Familien in Neumünster zerstörte. Die Jusos und das Bündnis gegen Rechts stellten am Abend vor allem das Gedenken und die Lehre für heute in den Vordergrund und legten Rosen an den Stolpersteinen nieder. "Wir wollen aufzeigen, was passieren kann, wenn man wegschaut", begründete Swantje Heeren die Rosen-Aktion. Die Geschichte mahne, Rechtsextreme rechtzeitig in die Schranken zu weisen.

Auch geschichtsfeste Besucher konnten beim Rundgang am Nachmittag noch einiges dazulernen. So räumte Stadtführerin Heide Winkler etwa gleich zu Beginn mit der Version auf, in Neumünster selbst sei am 9. November 1938 "nicht allzu viel passiert". Das stimmt, hatte seine Ursache aber keineswegs darin, dass sich die Nazis in der Stadt besonders zurückgehalten hätten. Vielmehr gab es zu diesem Zeitpunkt kaum noch Juden in der Stadt. Bereits unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 begannen in Neumünster antisemitische Aktionen. Bis zur Pogromnacht war die "Arisierung", die Enteignung und Vertreibung jüdischer Bürger, weitgehend umgesetzt. Von den 21 Juden, die 1938 noch in der Stadt gemeldet waren, überlebten fünf den Holocaust.

Welche Nichtigkeit reichte, um in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis zu geraten, machte Heide Winkler am Beispiel von Franz Möller (Schützenstraße 12) anschaulich. Der junge Mann, Jahrgang 1905, wurde denunziert, weil er den Hitlergruß verweigert hatte. Möller kam ins KZ Mauthausen und starb bei der Zwangsarbeit im Steinbruch. Er wurde 37 Jahre alt.

Ein Mithäftling, der das KZ überlebte, schrieb nach dem Krieg an Möllers Eltern in brutal anmutender Offenheit: "Er hat sich zu Tode gearbeitet. Wir hatten den Eindruck, dass das vom ersten Tag an das Ziel der Haft war."

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